Archiv für 6. November 2011

Meine regelmäßigen Freiburgbesuche sind nicht nur reine Vergnügungsreisen. Auch wenn ich dort viel spazieren gehe und mir immer wieder gerne die Stadt ansehe, komme ich in erster Linie, um meine Verwandte Frau L. zu besuchen. Einen Tag verbringe ich daher in einer sogenannten Wohngemeinschaft für demente Menschen. Dort ist Frau L. seit einiger Zeit untergebracht. Sie wurde viele Jahre von ihrer Tochter in deren Familie betreut. Nun geht sie auf die 90 Jahre zu und die weitere Pflege konnte innerhalb der Familie trotz großer Anstrengungen nicht mehr bewerkstelligt werden. Vor ungefähr 15 Jahren begann die leichte Demenz von Frau L.. Frau L. war zunächst häufig nur leicht durcheinander und verwechselte Sachen. Mit vereinter Hilfe durch Familie, Nachbarn und Inanspruchnahme von Pflegedienstleistungen,  konnte sie einige Jahre lange mit ihrem Mann noch in ihrem eigenen Haus leben. Die Demenz schritt monatlich – ja wöchentlich und täglich – voran. Als ihr Ehemann starb, konnte sie nicht mehr alleine zu Hause bleiben und wurde von ihrer Tochter aufgenommen und drei Jahre in deren Familie betreut.

Diese Jahre griffen auch die physische und psychischGesundheit der Tochter und des Schwiegersohnes  an. Wie bei dementen Menschen üblich, gab es auch einige „Weglaufaktionen“, die zum Glück alle gut endeten. Vor einigen Monaten war klar, dass eine gute Betreuung zu Hause nicht länger sicher gestellt werden konnte. Die Familie schaute sich nach geeigneten Pflegeheimen um, konnte sich jedoch nicht so richtig für die „großen“ Pflegeheime mit Massenbetrieb erwärmen.

Dann stieß man auf die Wohnform der Betreuung in einer dementen Wohngemeinschaft. Zehn demente Personen werden in einer Art Wohngemeinschaft rund um die Uhr betreut. Hier ist Frau L. jetzt untergebracht und fühlt sich anscheinend sehr wohl. Wenn ich vorbei komme, strahlt ihr Gesicht. Sie erkennt mich nicht. Sie weiß auch nichts mehr von ihrer 60jährigen Ehe mit ihrem Mann. Sie erkennt niemanden mehr und redet nur sehr wenig. Dennoch merke ich, dass sie sich freut, wenn jemand aus der Familie vorbei kommt, ihr etwas vorliest, einfach ihre Hand hält oder mit ihr durch den Garten wandert.

Die Bilder sind in der Wohngruppe entstanden. Zwischendurch spielen die Betreuer mit den dementen Menschen, machen ein wenig Gymnastik mit ihnen oder unternehmen Spaziergänge und sogar Ausflüge. Die Leiterin der Wohngruppe erzählte mir, dass es Menschen gegeben habe, die zu Hause nur noch im Bett gelegen hätten. Hier liefen sie auf einmal durch die Wohnräume und könnten sogar bei kleinen Verrichtungen wie Kartoffeln fürs Mittagessen schälen oder Wäsche legen, helfen. Auch beim Malen seien einige noch mit großem Eifer dabei.

Auf mich wirkte die Wohngruppe am Anfang wie eine etwas chaotische Wohngemeinschaft. Ein Herr sitzt Mundharmonika spielend auf dem Sofa im Wohnbereich. Eine Dame sagt immer wieder: „Warum? Warum? Warum?“ Eine andere Dame  sitzt versunken in ihrem Rollstuhl oder ist eingenickt. Ich sitze neben Frau L. auf einem gemütlichen Sofa inmitten all der anderen Menschen und zeige ihr Fotos von Blumen, die sie immer so geliebt hat. Es dauert eine Weile. Dann erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie sagt: „Wie schön – wie wunderschön“. Ich halte ihre Hand und bin froh hier zu sein. Es gäbe noch viel zu sagen, aber manchmal ist auch schweigen genug.

Ich wünsche allen Lesern einen schönen Tag.

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