Archiv für 7. November 2011

Unser jüngster Sohn hat in diesem Jahr seinen Führerschein mit 17 Jahren gemacht und darf nun begleitet fahren. Er darf nicht nur begleitet fahren, sondern er besteht darauf, dass er begleitet fahren möchte – und zwar so viel und so häufig wie möglich. Das ist aus meiner Sicht auch verständlich. Dennoch haben weder mein Mann noch ich Zeit, den ganzen Tag mit ihm durch die Gegend zu fahren. Wir planen daher neuerdings unsere Einkaufstouren und ohnehin notwendige Fahrten mit dem Wagen so, dass unser Sohn uns fahren kann. So fährt mein Mann dann zum Beispiel auch schon mal außerplanmäßig (aber immer wieder gerne) zum Baumarkt und mein Sohn darf fahren. Abends kommen beide mehr oder minder zufrieden mit einem neuen Schraubenzieher zurück. „War im Angebot,“ sagt mein Mann. Die zwei gesparten Euros hat man/Mann  dann in zehn Euro Spritkosten investiert. Alles für die Jugendförderung.

Damit mein Sohn jedoch mehr Fahrpraxis erhält und auch einmal die Möglichkeit hat, auf der Autobahn längere Strecken zu fahren, durfte er vor einiger Zeit mit mir im Wagen nach München fahren. Am Rande habe ich davon bereits berichtet. Nicht berichtet habe ich von dieser „Höllenfahrt“ im Detail. Wir starteten in Bonn und Sohnemann fuhr die ersten 100 Kilometer auch recht souverän und zivil. Meine Hinweise, dass er vielleicht noch ein klein wenig besser die Spur halten könne, tat er damit ab, dass ich im Alter wohl nicht mehr so richtig sehen könne. Ich schielte vorsichtig nach rechts und links und sah die Leitplanken beachtlich nahe an uns heran kommen und rutsche noch ein wenig tiefer in den Beifahrersitz hinein.

Nach einiger Zeit wollte mein Fahrer es dann wissen und fing an 170 km/h, 180 km/h und auch 190 km/h zu fahren. Ich mahnte, nun doch mal ein bisschen langsam zu machen. Meines Erachtens kann ein absoluter Fahranfänger diese Geschwindigkeiten noch nicht beherrschen und sollte sich diesen Bereichen ein wenig vorsichtig annähern. So sass ich ganz tief im Sitz verkrampft und drückte mit feuchten Händen die nicht vorhandene Bremse auf der Beifahrerseite. Ich gebe es zu, ich hatte teilweise richtig Angst. So war ich die ganze Zeit unter Hochspannung und war richtig erleichtert, als wir in einen so großen Stau kamen, dass wir nur noch Landstraße fahren konnten. In München angekommen, machte mein Sohn sich dann zu meinem Ärger auch noch über meine aus gestandenen Ängste lustig. Und mein Mann stimmte fröhlich in den Spott mit ein und machte Witze darüber, dass wir die Bodenbleche auf der Beifahrerseite wohl verstärken müssten. Innerlich rauchte ich. Immerhin hatte ich fast acht Stunden „Höllenfahrt“ mit einem absoluten Fahranfänger hinter mir.

Auf der Rückfahrt nahm ich mich zurück, da mein Mann mitfuhr und überließ gerne den Männern die Autowelt.  Es ging bereits gut los, als mein Mann erklärte, dass er zunächst selber aus München heraus fahren werde. „Warum das,“ fragte mein Sohn entnervt. Ohne weitere Diskussion setzte mein Mann sich hinter das Lenkrad und ignorierte Sohnemanns motzigen Einwände. Dieser war nun gleich am Anfang der Fahrt beleidigt und schmollte. Kurz nach München kamen wir in den ersten Stau und wichen wieder auf die Landstraße aus. Bei der ersten kleinen Rast, stieg Sohn beleidigt aus, setzte sich auf den Randstein am Parkplatz und weigerte sich wieder in den Wagen  einzusteigen. „Ich steig nicht eher ein, bis ich fahren darf“, ließ er verlauten. Mein Mann grummelte hinter dem Lenkrad:“Ich laß mich doch nicht erpressen. Dann bleibt er eben hier. Soll er doch sehen, wie er nach Bonn kommt“. Na prima. Ich war begeistert und stellte fest, dass es zu meiner Höllenhinfahrt noch eine Steigerung gab :-). Nun schmiss ich all mein weibliches Verhandlungsgeschick in die Waage, um Sohn und Vater wieder zu vereinen, ohne dass einer sein Gesicht verlor. Endlich saßen wir zu meiner vorläufigen Zufriedenheit alle wieder vereint im Wagen. Sohn saß am Steuer, Mann daneben und die Reise Richtung Norden konnte weiter gehen.

Ich fing an in meinem Spanischbuch zu lesen und hörte nur mit halbem Ohr, dass es vorne weiter rund ging. „Nicht so schnell,“ hörte ich meinen Mann zu meiner innerlichen Befriedigung brüllen. Nach dem zehnten Brüller konnte ich mich nicht mehr beherrschen und fragte, was er denn habe und mit Blick auf sein zuckendes rechtes Knie, ob wir tatsächlich die Bodenbleche verstärken müssten. Das hätte ich lieber bleiben lassen, denn diese Bemerkung trug nicht zur allgemeinen Stimmungsverbesserung bei. „Laaanngsaaaam“, brüllte mein Mann. Die Brüller ließen meinen Sohn kalt. Seine Kommentare wiederhole ich hier nicht.

Rast auf dem Rastplatz Würzburg. Es ist Feiertag und schönes Wetter und ein Riesengewusel an Fahrzeugen, Menschen, kleinen Kindern und Hunden. Mein Sohn prescht mit Tempo durch die Boxengasse. „Vorsichtig“, brüllt mein Mann. Wir sehen alle, dass am Ende der Parkplatzgasse ein Lieferwagen ohne Rücksicht auf den vorbei fahrenden Verkehr rückwärts ausparkt. „Halt“, brüllt mein Mann. „Ich habe Vorfahrt,“ kommt die Antwort von unserem Fahrer, der frohgemut weiter geradeaus fährt. Nun muss mein Mann eingreifen, um einen Crash zu vermeiden. Wir fahren nun Richtung eines parkenden Autos und nach einem weiteren „stooooop“ meines Mannes steht der Wagen.  Es folgen heiße Diskussionen, die mit einem sofortigen Fahrerwechsel enden. Bis Bonn wird mein Mann. „Nun weiß ich, wie es geht – Männer“, denke ich . Das sage ich jedoch nicht laut.

So fahren wir nach Stauende mit 180 km/h ohne begleitetes Fahren nach Bonn und innerlich freue ich mich, dass ich wahrscheinlich meine nächste Fahrt ohne Begleitung machen kann.

Euch wünsche ich einen schönen Tag und gewaltfreie Kommunikation mit den Liebsten :-).

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