Meine Anstalt: Die Idee des Staatssekretärs – Teil 1 –

Veröffentlicht: 22. Februar 2012 in Leonies Leben 2012
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Ich hatte Euch ja bereits angekündigt, dass ich hier  im Blog eine zwei Jahre alte Geschichte von mir einstellen möchte. Dabei hoffe ich ganz arg, dass nicht nur Vallartina diese schmerzfrei übersteht :-). Heute geht es mit dem ersten Teil und dem Staatssekretär, der eine Idee hat, los.

Der Staatssekretär hat eine Idee

Die Geburtsstunde der Anstalt, wie sie später von dem Minister bei Ansprachen gerne bezeichnet wurde, begann kurz nach der deutschen Wiedervereinigung in der damals gerade wieder zur  Bundeshauptstadt ernannten Stadt Berlin. Genau genommen hatte alles mit einer mehr als genial zu bezeichnenden  Eingebung, die ein Staatssekretär im Finanzministerium im Oktober 1992 hatte, begonnen. Dieser Staatssekretär, der schon über zwanzig Dienstjahre fleißig gearbeitet oder zumindest dem Staat gedient hatte und langsam dem Ende seinen aktiven Beamtenzeit entgegen sah, hatte sich an einem wunderschönen Herbstmorgen, an dem die Sonne auf das bunte Herbstlaub vor dem Berliner Ministerium schien, den ganzen Morgen mit schwierigen steuerrechtlichen Fragen beschäftigt. Sein Kopf rauchte und er sehnte sich in seinem tiefsten Inneren danach, die gesammelten Akten zum Steuerrecht von seinem Schreibtisch zu fegen.

Seinen Blick auf die prächtige Laubfärbung gerichtet, fasste er den Entschluss, die vor ihm gebündelten Steuerakten einfach an den Referatsleiter, der ihm diese Arbeit eingebrockt hatte, zurück zu senden. „Warum soll eigentlich immer nur ich arbeiten? Meine Zeit hier im Ministerium ist in einigen Jahren beendet und langsam müssen sich meine Leute daran gewöhnen, auch ohne mich zu arbeiten. Soll sich doch der Hallhuber einen Kopf machen und  seine Vorschläge so überarbeiten, dass ich nur noch unterschreiben muss“, brummelte der Staatssekretär vor sich  hin.

Seinen Augen fingen bei dem Gedanken, dass der Hallhuber ganz schön ins Schwitzen kommen würde, wenn er die Akten ohne Überarbeitung zurückbekommen würde, an zu leuchten. Die Laune des Staatssekretärs stieg um gefühlte 5 Grad. Bis dieses unleidliche Steuerthema wieder auf seinem Tisch ankommen würde, würde Zeit vergehen und wenn er Glück hätte, wäre er dann bereits im Winterurlaub.  Er raffte mit beiden Händen die Berge von Akten vor sich zusammen, füllte mit seinem Füllfederhalter in roter Tinte das Kürzel für den Hallhuber, das HaHu in das Kästchen auf dem grauen Aktendeckel und schmiss die Akten erleichtert auf den Aktenbock, der neben seinem Schreibtisch stand. „Hoffentlich lässt sich der Aktenbote – wie er das üblicherweise macht – mit dem Transport ordentlich Zeit“, dachte der Staatssekretär.

Damit der Aktenberg auch tatsächlich nicht so schnell wieder bei ihm ankommen würde, ging er auf Nummer sicher und versenkte eine einzelne Teilakte des Steuervorgangs, die er zuvor aus dem großen Stapel auf seinem Aktenbock herauszog, hinter dem großen Aktenschrank in der rechten Ecke seines Dienstzimmers. Erleichtert atmete er auf und zog dabei unbeabsichtigt den Staub ein, den der gezielte Wurf der Teilakte hinter den großen Schrank aufgewirbelt hatte. Er fing an zu husten und fluchte über die miserable Putzfrau und die noch miserablere Hausverwaltung, die solch unzuverlässige Reinigungskräfte eingestellt hatte.

Er würde sich beschweren, beschloss er spontan. „Bei wem eigentlich“, überlegte er vor sich hin sinnierend. „Wer ist hier eigentlich die verantwortliche Hausverwaltung?“ Diesem Thema würde er sich annehmen und zwar umgehend. Sein persönlicher Referent sollte sich darum kümmern. „Genau, der Maier, der ist der Richtige“, murmelte er. Der würde alle Informationen schnell heraus bekommen und dann würden in dieser Hausverwaltung Köpfe rollen. „Jawohl“, sagte er zu sich selbst.

„Wo war eigentlich sein persönlicher Referent“, fragte er sich. Er griff zum Telefonhörer auf seinem Schreibtisch und rief seine Vorzimmerdame Frau Büchner an, die beflissentlich: „Was kann ich für Sie tun“, in das Telefon flötete. „Wo verdammt ist dieser Maier denn wieder?“, brüllte der Staatssekretär ungeduldig. „Herr Maier – einen Moment“, sagte die Vorzimmerdame und man hörte, wie sie mit Papier raschelte. „Hoffentlich hat der nicht schon wieder Urlaub“, brummelte der Staatssekretär in den Hörer. „Nein, nein, Herr Maier ist bei der Finanzdirektion Berlin zu einer Einweihungsfeier eingeladen“. „Was für eine Einweihungsfeier“, dröhnte die Stimme des Staatssekretärs aus dem Hörer. „Die Bauverwaltung und die Liegenschaftsverwaltung des Bundes laden zur Einweihung des neuen Westtraktes der Finanzdirektion…“, fing Frau Büchner an vorzulesen. Weiter kam sie nicht.

„Wer? brüllte der Staatssekretär in den Hörer. „Wer soll das denn sein? Die Liegenschaftsverwaltung des Bundes? Habe ich noch nie gehört. Warum laden die mich nicht ein?“, donnerte er weiter. „ Sie Herr Staatssekretär sind doch viel zu wichtig, um auf die Einweihung eines Westflügels zu gehen“, piepse die Vorzimmerdame ob des Donnerns des Staatssekretärs ein wenig eingeschüchtert. „Ach so, ja“, brummelte der Staatssekretär und legte missmutig den Hörer auf. Seine Gedanken kreisten um diese mysteriöse Liegenschaftsverwaltung des Bundes, die ihn nicht auf der Einladungsliste hatte und ihm zudem noch seinen persönlichen Referenten raubte. „Wahrscheinlich sind auch die das, die keine ordentlichen Reinigungskräfte einstellen und überhaupt scheinen die einigen Schlamassel zu produzieren“, dachte er verstimmt. Er hüstelte immer noch von dem aufgewirbelten Staub.

Erneut griff er zum Hörer und brachte innerhalb von einer Stunde die Querabteilung ZA 47 auf Trab, in dem er sich alle verfügbaren Informationen über diese merkwürdige Liegenschaftsverwaltung vorlegen ließ. Endlich hatte er einmal ein Thema vor sich, von dem er etwas verstand, denn wozu hatte er ein Haus im Grunewald, ein Ferienhaus in Kitzbühel und eine weitere Liegenschaft auf Sylt. Immobilien waren sein Steckenpferd.

Der restliche Nachmittag verging für ihn wie im Fluge. Während die Abteilung BC 49 anfing, das Steuerkonzept neu zu bearbeiten und alle verfügbaren weiblichen Mitarbeiterinnen in der Abteilung verzweifelt damit beschäftigt waren, eine fehlende Teilakte zu suchen, kümmerte sich der Staatssekretär höchst persönlich um die ihm bis zu diesem Tage nicht bekannte Liegenschaftsverwaltung.

Am Abend wusste er bereits, dass diese Verwaltung für  die bundeseigenen Gebäude und Dienstliegenschaften zuständig war  und Standorte überall in der Republik hatte. „Schade“, dachte er,  “mit dieser Verwaltung möchte ich mich noch viel mehr befassen. Immobilien gehören in die Hand von Fachleuten. So eine angestaubte Verwaltung wird sich ja kaum um alle diese Werte richtig kümmern können. Das ist mein Projekt.“ In seinem Arbeitsrausch hatte er sogar den Staub hinter dem Schrank, die Reinigungskraft und seinen fehlenden persönlichen Referenten vergessen.

An diesem Abend verließ er schwungvoll das große Gebäude in der Wilhelmstraße. „Dieser Arbeitstag wird ein Meilenstein für die bundesdeutsche Immobilienkultur“, rief er dem Pförtner beim Herausgehen zu. „Jawohl, Herr Staatssekretär“, kam artig die Antwort.

……Wenn Ihr Lust habt, erzähle ich demnächst noch ein bisschen weiter aus der Anstalt. Jetzt wünsche ich Euch zunächst einen schönen Mittwoch.

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Kommentare
  1. Elvira sagt:

    Hoffentlich lässt die Fortsetzung nicht lange auf sich warten? Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, wie das weitergehen wird…….
    LG

    Elvira

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  2. sabienes sagt:

    Ah ha! Klingt ja schon mal sehr interessant!
    LG

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  3. Fellmonsterchen sagt:

    Sehr interessant, ich bin gespannt auf die Fortsetzung!
    Ja, der Wahnsinn tobt überall, nicht nur in „meiner“ Anstalt. 🙂

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  4. Ich glaube, ich habe eben mit einem falschen Usernamen kommentiert, der womöglich noch zu meinem alten Blog verlinkt. Den kannst Du löschen, er scheint eh in der Warteschleife zu hängen.
    Die Geschichte ist sehr interessant, ich bin auf die Fortsetzung gespannt.

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  5. Himmelhoch sagt:

    Ich bekomme so eine Ahnung, dass sich der Alltag in einer früheren Ostbehörde nicht so wesentlich von einer jetzigen Westbehörde unterscheidet – Beamte bleibe eben Beamte. Mal sehen, wie es weitergeht.
    LG von Clara

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  6. Vallartina sagt:

    Jau, lesen geht schmerzfrei – sobald ich aber das Wort „Steuern“ lese, verkrampft sich wieder etwas…. 😉
    GLG

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