Meine Anstalt: Die Idee des Staatssekretärs – Teil 2 –

Veröffentlicht: 24. Februar 2012 in Foto und Geschichten
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Und während ich in Freiburg weile, kann ich Euch – sofern Ihr mögt – ein wenig weiter aus der Anstalt lesen lassen. Ein Staatssekretär hatte eine Idee und jetzt wird man sehen, was er daraus macht. Ich wünsche Euch einen schönen Tag und viel Spaß beim Lesen.

Bereits am nächsten Arbeitstag wirbelten Stäbe um den Staatsekretär herum, denen er schwungvoll erläuterte, dass die gesamte Liegenschaftsverwaltung der öffentlichen Hand seiner Meinung nach vollkommen überaltert wäre und in ihrem Aufbau und ihrer Organisation nicht mehr der Zeit entspräche. „Unsere Aufgabe ist es nun,  zeitnah etwas innovatives Neues schaffen“, teilte er seinen Mitarbeitern mit.

Auch sein persönlicher Referent Herr Maier war wieder aufgetaucht und verschwieg geflissentlich, dass der neue Westflügel der Finanzdirektion ein beeindruckendes Bauwerk war und dass das zu diesem Anlass gebotene Catering ihm auch recht gut gemundet hatte. Das Abendessen gestern hatte er sich sparen können. Außerdem hatte er auf dem Treffen so viele interessante Gespräche bis Punkt Dienstschluss geführt, dass er seiner Kollegin noch an diesem Morgen vollkommen begeistert versichert hatte, dass durch die Einweihung des Westflügels, der gestrige Tag für ihn rundum gelungen gewesen sei.

Der Staatssekretär nahm seinen gestern so schmerzlich vermissten Referenten heute gar  nicht richtig war. In seiner Vorstellung sah er bereits wunderschöne Bilder vor sich. Ein Staatsunternehmen, das den Inbegriff der modernen Verwaltung darstellte. Lächelnde freundliche Serviceangestellte, die entspannt am Schreibtisch telefonierten, in Konferenzen gingen und aus den staatlichen Liegenschaften fast ohne Mühe nebenbei Vorzeigeliegenschaften herrichteten.

Dass trotz großen Instandhaltungsrückstaus an den maroden staatlichen Gebäuden, dies alles ohne Einsatz großer Mittel geschehen sollte, verstand sich zumindest für den Staatssekretär von selbst. „Genau deswegen“, erklärte er gerade seinen ein wenig zweifelnd schauenden Mitarbeitern, „gründen wir  ja nun ein Unternehmen und machen der lahmen Verwaltung mal ein wenig Dampf unter dem Hintern“. Um seine Lippen zeigte sich ein kleines Lächeln. Und wem hätte der Staat all das zu verdanken?  Wer würde belobigt und vielleicht sogar noch vor dem  Ruhestand der nächste Minister werden?

Sein Lächeln ging in ein breites Grinsen über. „Noch besser wäre es, wenn die Staatsdiener ihr Gehalt selber erwirtschaften und zusätzlich weitere Einnahmen erarbeiten könnten, die dann unmittelbar in den dringend zu sanierenden Staatshaushalt fließen könnten“, führte er weiter aus. Diese geniale Idee war ihm gestern Abend beim Fernsehen gekommen, als er einen Bericht über Auslagerung von Unternehmen in die dritte Welt gesehen hatte. „Was für eine geniale Idee“, jubelte nun auch Herr Maier, dem es allmählich opportun erschien, seinem Chef ein wenig positive Bestärkung zu geben, zumal er durch den Gesichtsausdruck des Staatssekretärs erkannt hatte, dass dieser sich um nichts in der Welt von seiner Idee würde abbringen lassen. „Der Minister wird begeistert sein“, fügte er deshalb noch mit jubelnder Stimme hinzu.

Da der alte Staatssekretär ein Mann der Tat war, holte er sich bei erster Gelegenheit,  gleich in der nächsten Woche von dem Minister „grünes Licht“, wie er es nannte. Der Minister schien zunächst nicht so angetan von der Idee seines Staatssekretärs und äußerte, dass es doch wohl wichtigere Dinge für einen Staatssekretär zu erledigen gäbe, als sich um eine Hausverwaltung zu kümmern. „Da haben Sie selbstverständlich recht, Herr Minister“, erwiderte der Staatssekretär, „selbstverständlich ist mir diese Hausverwaltung, wie sie die Liegenschaftsverwaltung sicher zu recht bezeichnen, vollkommen egal. Bedenken Sie jedoch, was für Geld sich mit den Immobilien machen ließe, wenn sich jemand fachmännisch um diesen Laden kümmern würde.“

„Das müssen Sie mir erläutern“, lächelte der Minister, „ich gehe davon aus, dass Sie sich, mit dem jemand gemeint haben?“ „Nun ja“, erwiderte der Staatssekretär, „ ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen und Ihnen ehrlich sagen, dass ich genau genommen, nicht nur Immobilienfachmann bin, sondern bereits ein fast fertiges Konzept in der Tasche habe. Ich kann Ihnen sofort erläutern, wie wir diesen Laden so wirtschaftlich machen können, dass noch zusätzliches Geld in die Staatskasse fließen wird.“

 „Tatsächlich?“, fragte der Finanzminister und klang noch nicht sehr überzeugt. „Sehen Sie, Herr Minister. Im Moment arbeitet diese Verwaltung so unwirtschaftlich wie alle unsere Verwaltungen. Wahrscheinlich finanziert der Steuerzahler hier den Umstand, dass ein paar Beamte Monopoly mit staatlichen Liegenschaften spielen. Jedes Unternehmen kann hier nur besser wirtschaften. Das ist doch gar keine Zauberei. Und Sie, Sie werden der Finanzminister im Zeitfenster dieser Dekade sein, unter dem ein jetzt noch kaum vorstellbarer  Geldsegen in die Staatskasse rauschen wird“, fügte er  im Ton der festen Überzeugung hinzu. Der letzte Satz hatte seine Spuren bei dem Finanzminister hinterlassen. Das hatte der Staatssekretär sofort innerlich zufrieden  registriert. Er wartete ab und ließ dem Finanzminister ein wenig Zeit zum Überlegen.

„Gut, ich muss jetzt nach Brüssel. Also probieren Sie es. Schlimmer als es jetzt ist, kann es ja wohl nicht werden“, sagte er mit einem Blick auf die Uhr und hastete aus dem Raum.  Ganz kurz flammte in dem Minister der Gedanke auf, dass er bis vor einer Stunde noch nie etwas von dieser Verwaltung gehört hatte, geschweige denn wusste, wie gut oder wie schlecht es um sie stand. „Egal“, dachte er, „der Staatssekretär ist ein alter Fuchs und der wird schon wissen was er tut.“

Zufrieden mit sich und der Welt und einem Versprechen in der Tasche, das seine Arbeitswelt in der nächsten Zeit ein wenig bunter machen würde, zog der Staatssekretär sich in seinen Raum zurück. Versonnen malte er auf einem Blatt Papier eine Skizze mit einem kleinen Ablaufplan für die nächsten großen Schritte. Er betrachtete das Blatt, strich, kritzelte neu, strich einige Passagen, um letztlich zufrieden auf ein vollständig  beschriebenes DinA4 Blatt zu blicken. „Nun kann es losgehen“, sagte er zu sich selbst und strich sich zufrieden die Haare zurück.

Dann rief er seine Vorzimmerdame Frau Büchner in so einem lauten Ton zu sich, dass diese ihn durch die verschlossene Tür hörte. Vor Schreck vergoss Frau Büchner ihren Mittagskaffee auf einer Akte, wischte schnell noch ein wenig von der großen Pfütze weg und eilte dann hastig in das Zimmer ihres Chefs. Sie erhielt den Auftrag einen Stab von Mitarbeitern, die der Staatssekretär ihr namentlich aufzählte, noch für diesen Nachmittag in das große Besprechungszimmer im zweiten Stockwerk ein zu berufen.

Um 16.00 Uhr waren dann auch fast alle auf der Liste des Staats-sekretärs stehenden Personen dort versammelt und blickten erwartungsvoll auf die große Tür, durch die gleich der Staatssekretär kommen sollte. Punkt 16.15 Uhr wurde diese aufgerissen und der Staatssekretär schritt in eiligen Schritten, gefolgt von seinem persönlichen Referenten Herrn Maier auf die Kopfseite des Tisches zu. Mit einem Schwung ließ er sich nieder und bedeutete seinem Referenten, dass dieser ihm zunächst einen Kaffee eingießen möge. Dann erhob er die Augen und blickte prüfend in die Runde, um zu kontrollieren, ob auch alle seine Schäfchen seinem Aufruf gefolgt waren.

„Wo ist Müller?“, rief er in die Runde noch bevor er die Anwesenden begrüßt hatte. Sein persönlicher Referent flüsterte ihm zu: “Erkrankt. Und Harder ist auf Dienstreise“. „So, so“, murmelte der Staatssekretär und es war ihm anzusehen, dass er es vollkommen unverständlich fand, dass es hier im Ministerium tatsächlich Personen gab, die nicht zu dieser wichtigen Sitzung erschienen und einfach auf Dienstreise gingen oder krank waren.

„Liebe Kollegen“, hob er an und „liebe Kollegin“, fuhr er mit Blick auf Regierungsdirektorin Frau Dr. Schleicher-Hartmann fort. Wir sind heute hier versammelt, um den Auftakt zu einem einmaligen Projekt zu begehen. Wir werden mit diesem Projekt zeigen, was in diesem Staat und in uns steckt. Langsame Verwaltung war gestern. Heute heißt es für uns: Moderner Staat – moderne Verwaltung. Da wir hier im Hause in den letzten Jahren mehr als effizient geworden sind, werden wir nun anfangen, die Außenverwaltung zu reformieren. Wir werden sie nicht nur sanieren, sondern wirtschaftlich machen.

Jawohl – wirt-schaft-lich“, endete er gedehnt und schaute auffordernd in die Runde. Ein allgemeines Gemurmel erhob sich unter den Anwesenden. Und der Staatssekretär redete weiter und weiter. Seine Begeisterung stieg sichtlich von Satz zu Satz und er redete sich regelrecht in Rage. Nur einmal unterbrach er kurz, als Frau Regierungsdirektorin Dr. Schleicher-Hartman etwas zögernd die Hand für eine Frage hob.

Diese räusperte sich als der Staatssekretär ihr wohlwollend zunickte und ihr damit Rederecht einräumte, und sagte: “Herr Staatssekretär, ich gratuliere zu Ihrer überaus glücklichen Idee und werde Ihnen selbstverständlich mit meiner Abteilung tatkräftig bei der Umsetzung zur Seite stehen“. Dann machte sie eine kleine Pause, um all ihren Mut zusammen zu nehmen und stieß dann mit kurzatmiger Stimme hervor: „Sicher haben Sie auch bereits festgelegt, aus welchen Mitteln dieses Großprojekt finanziert werden soll?“. „Liebe Frau Dr. äh…“

„Schleicher“, flüsterte Herr Maier. „Ja natürlich, Schleicher, selbstverständlich ist die Kostenfrage geklärt. Das ist vollkommen einfach“. Der Staatssekretär blickte triumphierend in die Rund, um dann langsam und bestimmt zu sagen: „Es gibt keine Kosten“. Er machte eine Pause und blickte sichtlich mit sich selbst zufrieden im Kreis herum, um die Wirkung seiner Worte zu überprüfen. „Ja, meine Herren und meine Dame. Sie haben richtig gehört. Dieses Großprojekt wird sich selber tragen, da wir Geld in ungeahnten Größen einsparen werden.“

Dann machte der Staatssekretär eine kurze Pause und sah dabei die fragend aus ihren blauen Augen auf ihn schauende Frau Dr. Schleicher-Hartmann fast mitleidig an. „Ich verstehe, dass Ihnen so ein innovatives Projekt noch nicht untergekommen ist und Sie ein wenig  Zeit zum Verstehen brauchen“, fuhr er fast väterlich nachsichtig fort. Frau Dr. Schleicher-Hartmann errötete und vergrub ihr Gesicht schnell und hektisch wieder in den vor ihr liegenden Papieren.

An diesem Tag wurde es 20.00 Uhr als der Staatssekretär das Gebäude in der Wilhelmstraße verließ. Seine Mitarbeiter hatten bis 19.30 Uhr seinen Worten zu dem neuen Großprojekt gelauscht und nur Herr Dr. Brinkmann war dabei einmal kurz eingenickt. Als „Fast Pensionär“, der seine Tage heimlich am Maßband, das er jeden Morgen abschnitt, zählte, wurde ihm jedoch großzügig durch den Staatssekretär verziehen.

In der Zeit, in der die Mitarbeiter nun noch ihr durch die außerplanmäßige Sitzung versäumtes Tagesgeschäft nachholen durften, eilte der Staatssekretär zu seinem Dienstwagen und ließ sich zu einem Empfang der Handelskammer bringen, auf dem er auf leckere Häppchen hoffen durfte. Er sackte zufrieden auf den Rücksitz der Limousine und teilte dem Fahrer seufzend mit: „So, nun haben wir uns ein paar gute Häppchen und ein gutes Tröpfchen verdient. Das war ja wieder ein äußerst anstrengender Tag. Ja, ja – alles im Dienste des Staates“, fügte er noch hinzu.

Während der Fahrer durch den abendlichen Verkehr von Berlin Mitte steuerte und darüber nachdachte, was für Häppchen ihn wohl heute, nachdem er den Staatssekretär zu Hause abgeliefert haben würde, in seinem Heim um Mitternacht erwarten   würden. Dabei kam er innerlich seufzend zu dem Schluss, dass sein Kühlschrank, wie immer seit  dem Tag, an dem seine Frau ihn verlassen hatte, leer sein würde. Während er noch überlegte, wo die nächste Tankstelle in der Nähe der Handelskammer sein könnte, um sich dort eine kleine Mahlzeit einzukaufen, nickte der völlig erschöpfte Staatssekretär auf dem Rücksitz ein.

 

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Kommentare
  1. Himmelhoch sagt:

    Leonie, wahrscheinlich bin ich zu behördenfremd – aber mir ist die Geschichte irgendwie zu lebensfremd, zu weitschweifig – kurz, ich bin nicht neugierig, wie es weitergeht. Das ist jetzt allerdings nur meine Meinung – vielleicht ist es die augenblickliche Stimmung, in der ich gerade bin, dass ich keinen großen Gefallen daran finde – sei nicht böse, dass ich es so direkt und offen sage. Ich habe schon so oft das Gefühl gehabt, dass hier in Bloggershausen zu viel geliked, geschmeichelt, oberflächlich gelesen und und und wird.
    Ich habe die Geschichte heute zum zweiten Mal gelesen und sie hat mich immer noch nicht gepackt. – Nicht traurig sein!
    Mit lieben Grüßen von Clara

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  2. Gabi sagt:

    Als Du Deine Geschichte vorgestellt hast, dachte ich mir auch – naja, ich weiß nicht, ob das interessant für mich ist, weil es sich für mich wie eine recht trockene Materie anfühlte.
    Jedoch bewunderte ich Dich da schon dafür, weil es mal eine ganz andere Geschichte ist und ich mir dachte, soetwas muss einem ja auch erst einmal einfallen.
    Nun habe ich die beiden ersten Teile auf einmal gelesen und muss sagen, dass ich überrascht bin und sie mich nun doch interessiert. Ich finde, Du schreibst das sehr lebendig. Und ich werde sie auch weiterlesen. Aber ich denke, mittlerweile kennst Du mich ja schon. Es kann durchaus sein, dass ich lange nicht dazukomme und dann wieder alles auf einmal lese. Kommt ganz darauf an, wie ich dazukomme. 🙂
    lg Gabi

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