Mit Sem im Gebirge bei den Muong

Veröffentlicht: 24. September 2013 in Leonies Leben 2013, LeoniesLeben, Reisen 2013, Vietnam
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auch eine fünfköpfige Familie hat auf einem Scooter Platz

auch eine fünfköpfige Familie hat auf einem Scooter Platz

Am zweiten Tag in Sapa ging es gleich nach dem Frühstück auf eine ganztätige Wandertour, die uns von 1500 Höhenmetern mehr als 400 Höhenmeter hinunter in ein einsam gelegenes Bergdorf bringen solle. Wir hatten auf dieser kleinen Wanderung zwar nur bergab zu laufen, aber das bei strahlenden Sonnenschein und einer schwül feuchten Hitze. Unsere Treckinggruppe war recht klein. Neben uns waren noch sechs Spanier dabei, die sich hier in Sapa rein zufällig getroffen hatten und aus unterschiedlichen Regionen in Spanien stammten. Den Spaniern fiel das Gehen in der Hitze recht schwer, so dass ein größeres Gespräch auf Spanisch leider nicht möglich war.

 

Unsere Bergführerin

Unsere Bergführerin

Begleitet wurde die Gruppe nicht nur von unserer Tourführerin Sem in der traditionellen Kleidung der Muong, sondern zudem  von einigen ihrer Verwandten und Freundinnen. Doch wir waren nicht der einzige Trupp. Vor und hinter uns bewegten sich ähnliche Gruppen, bestehend aus 6 bis 8 Touristen aus aller Herren Länder und drei bis vier traditionellen Begleiterinnen. Überall, wo wir vorbei liefen, eilten Frauen und Kinder herbei, um ihre Ware anzubieten. Die reichten von Wasser und Bier über Früchte und traditionelle Handwerkskunst.

Muong Frauen

Muong Frauen

 

Im nördlichen Teil von Vietnam gibt es mehrere ethnische Minderheitengruppen, die hier in einsam gelegenen Bergdörfern abgeschieden von den anderen Vietnamesen leben. Im Norden sind das u. a. die Muong, die Thai, die Tay, die H´mong, die Dao und die Giay. Sem erklärte mir, dass hier in unmittelbarer Nähe von Sapa hauptsächlich die Muong und die Dao, deren Frauen an den roten Kopfschmuck zu erkennen sind, leben würden.

 

Ich war froh, dass es nach einiger Zeit von der doch recht befahrenen Straße weg und unmittelbar auf kleine Pfade ging. Dort staunte ich nicht schlecht, als unsere Begleiterinnen in ihrer traditionellen Kleidung und nur mit kleinen weißen Plastikschlappen begleitet, wie die Bergziegen auch die steilsten Wege ohne Anstrengung meisterten. Wer denkt, dass Bergtouren nur mit guten Bergstiefeln machbar sind, sollte sich diese Frauen anschauen und sich eines besseren belehren lassen. Auch ich musste meine Schritte vorsichtig setzen und genau schauen, wo ich hin trat, denn es ging an einigen Hängen steil bergab. Sem und ihre Muong Begleiterinnen schienen das in den weißen Plastikschlappen, die hier in jedem Geschäft für umgerechnet 40 Cent erhältlich sind, nicht nötig zu haben. Sie liefen spielend die steilsten Abhänge herunter und boten uns dabei noch ihre Hilfe an, obwohl sie auf dem Rücken nebenbei schwere Lasten und manchmal auch ein Baby trugen. Ich staunte wirklich sehr, konnte aber selber mit den steilen Abhängen relativ gut zu Recht kommen. Anders erging es den beiden jungen Spanier aus Barcelona, die zu unserer Gruppe gehörten. Während alle Gruppenteilnehmer sich ruhig und freundlich verhalten hatten und auch mit unseren Begleiterinnen nett umgegangen waren, hatten sich die beiden Jungs lauthals den gesamten Weg über die Frauen lustig gemacht, rauchten, tranken während der Wanderung Bier und wirkten ein bisschen überheblich. Als Sem nach einer kurzen Rast darum bat, weiter zu gehen, da wir in einem Restaurant zu Mittag erwartet würden, meinte der eine spanische Junge, dass das noch warten könne. Er wolle erst in Ruhe eine Zigarette rauchen. Die geduldige Sem wartete und wir alle mussten mit ihr auf den ungefähr 20 Jahre alten Burschen, der es sich gemütlich gemacht hatte und nicht daran dachte aufzustehen, warten.

auf dem Hintern den Abhang hinunter

auf dem Hintern den Abhang hinunter

 

Als wir wieder los wanderten folgte kamen wir nach sehr kurzer Zeit an einen sehr steilen Abstieg. Nun konnten die beiden jungen Spanier nicht mehr weiter. Da sie sich auch nicht von den Frauen helfen lassen wollten, setzten sie sich auf ihren Hintern und rutschten Stück für Stück den Abhang herunter. Das war ein lustiges Bild. Und selbst die ruhige Sem und die anderen Frauen hatten so etwas wohl noch nie gesehen. Nun war es an der Zeit, dass sie lachen konnten. Es war keine schadenfrohes, sondern einfach nur ein absolut herzhaftes Lachen. Sie amüsierten sich köstlich und konnten gar nicht aufhören zu lachen. Auch die anderen Teilnehmer unserer Gruppe konnten sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

bereits die kleinen Mädchen umringen die Touristen, um ihre Ware anzubieten

bereits die kleinen Mädchen umringen die Touristen, um ihre Ware anzubieten

 

Wir wanderten weiter durch wunderschöne Natur, den Blick auf die 2000der Berge und vor uns das Sapa Valley mit den vielen terrassierten Reisfeldern. Zwischendurch gab es ab und zu eine kurze Rast. Zu Mittag kehrten wir in einem kleinen Restaurant am Fluss ein. Dort konnten wir die Dorfjungen beim Baden beobachten. Die Mädchen hatten keine Zeit für solche Freizeitvergnügen. Sie müssen wohl sehr früh in die Fußstapfen ihrer fleißigen Mütter treten und schon im kleinsten Kindesalter hinter den Touristen herlaufen und die selbstgestickten Bänder und Tücher verkaufen. Ich denke, dass es besser ist, nicht von den Kindern zu kaufen, damit der Kinderarbeit kein weiterer Vorschub geleistet wird. Wer helfen möchte oder den Leuten eine Kleinigkeit zukommen lassen möchte, findet überall Gelegenheit.

Reisbearbeitung

Reisbearbeitung

50 Kilogramm Reissäcke

50 Kilogramm Reissäcke

Reis wird gerrocknet

Reis wird gerrocknet

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Am Nachmittag ging es weiter durch die Reisfelder. Nun hatte ich gesehen, wo der Reis wächst und wie er in harter Handarbeit geerntet wird. Selbst bei der großen Mittagshitze stehen die Männer auf den Reisfeldern und schlagen mit enormer Anstrengung die Reisbüschel so, dass sich die Früchte lösen. Alles wird danach in Säcke verladen und von den Feldern häufig auf den Schultern kilometerweit in die Dörfer geschleppt. Jeder Sack wiegt 50 Kilogramm. Im Dorf wird der Reis ausgebreitet und getrocknet. Dann wird er gesäubert und wieder in die 50 kg Säcke verladen. Entweder auf den Schultern oder von jungen Burschen auf Motorrädern, die manchmal drei dieser Säcke zugleich auf dem Scooter transportieren, wird er zu den Abnehmern gebracht. Reis ist das Hauptnahrungsmittel hier und dennoch ist die Entlohnung für die harte Tätigkeit auf den Reisfeldern mehr als gering. Wenn die Felder abgeerntet sind, werden sie abgebrannt. Daher riecht es überall nach Feuer und weithin sichtbar steigen die Rauchwolken auf.

über steigen Rauchwolken auf

über steigen Rauchwolken auf

Verladestation für den Reis

Verladestation für den Reis

 

Ich erfuhr durch unsere Bergführerin Sem viel über das Leben der Bergvölker, die relativ separiert als Minderheit in den Dörfern leben. Die Stämme unterscheiden sich in Aussehen, in ihrer Tradition und Kleidung. Sem erzählte, dass die Mädchen zu meist auch heute noch bereits mit 14 Jahren verheiratet werden und auch sehr früh ihre Kinder bekommen. In Sapa befindet sich ein Museum, das recht gut über die Minderheiten und ihre Traditionen informiert.

Räucherstäbchen

Räucherstäbchen

 

Die Männer arbeiten zumeist auf den Reisfeldern, während die Frauen als Verkäuferinnen und Führerinnen im Touristengeschäft tätig sind. Sem steht morgens um 4 Uhr auf und kümmert sich bis sechs um die Kinder und den Haushalt. Dann wandert sie die 12 Kilometer, die wir als Freizeitwanderung gelaufen waren, als Weg zur Arbeit aus ihrem Dorf nach Sapa – allerdings bergauf. Am Abend, nachdem sie viele Kilometer mit den Touristen gelaufen ist, wandert sie die 12 Kilometer wieder zurück. Dann beginnt für sie die Hausarbeit. Ein hartes Leben. Wer das Leben der einheimischen Bergvölker näher kennen lernen möchte, kann auch einen der zahlreichen Homestays buchen. Dabei bieten viele Familien für kleines Geld eine Übernachtung in ihrem Haus im Dorf an. Im Winter soll ein Homestay sogar besser als ein Hotel sein, da in den Häusern offene Feuer zum Wärmen sind, während die Hotels nicht beheizt werden.

Frauen mit roten Kopftüchern vom Stamm der Dao

Frauen mit roten Kopftüchern vom Stamm der Dao

Auch wenn über offenem Feuer gekocht wird, hat die Technik nicht vor den letzten Winkeln der Bergdörfer halt gemacht. Unter ihrer traditionellen Kleidung tragen die Frauen alle ihr Mobiltelefon und von einer Reisenden, die einen Homestay gebucht hatte, erfuhr ich, dass auch Muong Familienmitglieder teilweise eigene Facebook Accounts haben. Dennoch führen die Leute, die sehr stark in ihre großen Familienverbände eingebunden sind, ein sehr hartes einfaches Leben. Ob sie damit glücklich oder gar glücklicher als wir „in der Zivilisation lebenden “ sind, vermag ich nach so kurzer Zeit nicht zu sagen.

Tradition und Moderne - Mobilphone

Tradition und Moderne – Mobilphone

 

Wir hatten es jedenfalls besser als Sem. Nachdem wir die 12 Kilometer abwärts gelaufen waren, durften wir auf den Bus warten, der uns bequem zurück nach Sapa brachte. Dort konnten wir einkaufen gehen, eine entspannende Massage genießen oder einfach nur ausruhen. Das alles konnte Sem um die gleiche Zeit bestimmt nicht.

 

Am nächsten Tag liehen wir uns in Sapa einen Scooter, der dort für 3 bis 5 $ am Tag zu haben ist und sahen uns die nähere Umgebung vom Scooter aus an. Wir fuhren auf kleinen serpentinenreichen Straßen hoch in das Gebirge. Als wir über 2000 Meter kamen, wurde es kühl. Dennoch war der Fahrtwind angenehm und die Aussicht auf die hohen Berge und die tiefen Täler einfach unbeschreiblich. An einem der zahlreichen Wasserfälle machten wir halt. Für umgerechnet 50 Cent Eintrittsgeld konnten wir auf Stufen seitlich am Silver Wasserfall im unteren Bereich hoch gehen und die Aussicht auf das Wasser und die Berge um Sapa genießen.

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Doch auch der letzte Tag in Sapa ging viel zu schnell zu Ende. Wenn ich jemals nach Vietnam wiederkommen sollte, werde ich bestimmt nach Sapa reisen. Hier möchte ich eine richtig lange Wandertour auf die 3000der Berge machen oder einen Homestay bei einer der zahlreichen vietnamesischen Gastfamilien buchen. Die beste Reisezeit für Sapa soll September und Oktober sein, da dann die Regenzeit vorbei, aber es dennoch nicht zu kalt, sondern recht warm ist.

 

In diesem Urlaub möchten wir gerne ganz Vietnam kennenlernen. Daher sollte es weitergehen, obwohl der Abschied von Sapa bereits  nach so kurzer Zeit schwer fiel. Als der Bus mit uns Touristen vor dem Hotel abfuhr, kamen die Nachbarfrauen und winkten. Die vietnamesische Art ist einfach wirklich herzlich. Sapa verlassen fällt schwer. So kurz ich auch hier war, habe ich es wirklich lieb gewonnen.

 

1500 Höhenmeter weiter, unten in der großen Stadt Lao Cai ist nichts mehr von Bergidylle zu spüren. Gleich am Bahnhof erwarten uns große Menschenmengen, bunte Reklametafeln und hunderte von fliegenden Händlern. Wir warten auf den Nachtzug zurück nach Hanoi. Frauen und Männer aus den Bergstämmen sind hier nicht mehr anzutreffen. Sem war noch nie hier unten. Sie hat ihr ganzes Leben im Dorf und in Sapa verbracht. Auf die Frage, ob sie nicht einmal in eine Stadt oder gar nach Hanoi möchte, antwortete sie nur: „May be later“. Das ist der erlernte englische Satz von Kunden, die nicht sofort kaufen möchten.

 

Uns hat die Zivilisation jedoch wieder. Und der Nachtzug wartet nicht. Auf dem Hinweg teilten wir das Abteil mit einem jungen Paar aus Schweden. Dieses Mal wartet im Abteil bereits ein Paar aus Israel. So erfahre ich ganz nebenbei noch vor dem Schlafengehen etwas über Israel. Dann werde ich durch das starke Schaukeln des Waggons in den Schlaf geruckelt, der am frühen Morgen um 5 Uhr unsanft unterbrochen wird. Hanoi Bahnhof erwartet uns mit tropischen warmen Regen und der gewohnten Betriebsamkeit. Heute tragen die Scooterfahrer Regencaps. Während Sem gerade wieder 12 Kilometer zu ihrer Arbeit wandert, wandern wir ins Hotel, um uns zwei Tage auszuruhen, bevor es weiter zu neuen Abenteuern geht.

Wer mehr Bilder sehen möchte:

http://www.flickr.com/photos/drloewe/

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Kommentare
  1. Diva sagt:

    Vielen Dank für diesen tollen Reisebericht aus einer ganz anderen Welt. Du schreibst und beschreibst es so schön, das man fast das Gefühl hat dabei zu sein! Danke! Liebe Grüsse Anja

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  2. Gabi sagt:

    Wieder sehr lebendig geschrieben, Dein Bericht.
    Meine Hochachtung an Semi und die anderen Frauen, was die da leisten (natürlich auch die Männer auf den Feldern).
    Ich ärgere mich etwas über den jungen Spanier mit seinem Verhalten. Und wie es scheint, war er wohl dann nicht mal fähig, den Berg „normal“ runter zu gehen. Aber Hauptsache vorher ungut auffallen.
    LG Gabi

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  3. Karl-Heinz sagt:

    Wirklich interessant was Du da berichtest und vor allem, wie die Menschen da leben.

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  4. Schön, dass der junge Mann seine „Quittung“ bekommen hat. So gehört sich das für diejenigen, die sich anderen gegenüber ungehörig benehmen! 😉

    Auch diese Erlebnisse spiegeln Deine Begeisterung und ich freue mich sehr für Dich, dass Du so Schönes siehst und so inspirierende Menschen kennen lernst! Weiter so! ☺

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