Open End Hiking oder wohin gehe ich eigentlich?

Veröffentlicht: 4. Oktober 2015 in Hiking, Leonies Leben 2015, LeoniesLeben, Natur, Reisen 2015, Spanisches Leben, Tiere
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Calima über Teneriffa

Calima über Teneriffa

Open End Hiking hört sich irgendwie merkwürdig an. Doch am Samstag, den 3. Oktober, der hier auf Teneriffa  kein Feiertag war, hatte ich ein spezielles Wandererlebnis. Open End Hiking oder zielloses Wandern? Wandern ohne Ziel? Der Weg ist das Ziel? Oder auch: Calima, Berge, Schluchten und eine Bootsfahrt

Auf der Insel herrscht seit einigen Tagen Calima. Calima ist eine Wetterlage mit trockenem Ostwind. Der warme Sandwind kommt aus der Sahara in Afrika. Er sieht wie trockener Nebel aus und trägt feinen Sandstaub mit sich. Da der Calima bis zu einer Höhe von 500 Metern über dem Land liegt, ist die Sicht auf die Berge und das Meer zumeist getrübt. Das Atmen fällt schwer. Es ist heiß und auf der Zunge macht sich ständig – insbesondere bei Bewegung im Freien – ein sandiges Gefühl breit. Calima-Einbrüche gibt es auf Teneriffa und den anderen kanarischen Inseln im Sommer und im Winter, wobei sie im Sommer im Allgemeinen sehr heiß ausfallen. Und so sehen wir seit einigen Tagen kaum die Sonne, haben aber trotzdem um die 30 Grad.

Und genau wegen dem Calima wollte ich gestern der Küstenregion und der Hitze entkommen. Sehr früh am Morgen machte ich mich noch bei Dunkelheit mit Lasko zu einer Bergwanderung auf den Weg. Morgens in den frühen Stunden um 5 bis 7 Uhr weht ab und zu ein leichter Wind und die Temperaturen sind noch erträglich. Da die Wege, die von Los Gigantes aus in das Gebirge führen, nicht beleuchtet sind, musste ich bereits kurz hinter dem Ort die Taschenlampe benutzen. Ohne Licht ist die Gefahr über Steine und Geröll zu fallen, das überall auf dem Weg liegt, recht groß. Ich hatte kein festes Ziel. Ich wollte nur aus der Küstenregion „entfliehen“ und dorthin gehen, wohin es Temperatur mäßig ein wenig angenehmer sein würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, wohin mich diese Wanderschaft führen würde. Vielleicht ist das auch gut so, denn ansonsten wäre ich vielleicht gar nicht dazu aufgebrochen.

bergauf im Morgengrauen

bergauf im Morgengrauen

Der Gebirgsort Tamaimo liegt zwischen 400-600 Höhenmetern mitten im Barranco Santiago. Auf der halben Strecke dorthin wurde es langsam Tag und der Nachthimmel verwandelte sich von schwarz über dunkelblau nach hellgrau. Sehr schön, den neuen Tag auf Wanderschaft begrüßen zu können. Ich sah entfernt vor mir oben am Berg die Lichter von Tamaimo, die allerdings ausgingen als Lasko und ich uns dem Ort näherten. Es war noch früh am Tag. Durch den Calima neblig und bewölkt, so dass die Sonne nicht zu heiß auf uns herunter schien. Ich wanderte im Barranco Santiago entlang an Tamaimo vorbei und hielt mich immer weiter bergaufwärts. Der Anstieg zu dem kleinen Ort El Molledo wurde im letzten Stück richtig steil. Fast senkrecht ging es auf kleinen Serpentinen in die Höhe. Doch ich hatte ein neues Ziel vor meinen Augen. Ich schwitzte und Lasko hechelte. Von El Molledo bis zu dem Ort Santiago del Teide ist es nicht mehr weit. So beschloss ich in den Bezirksort, der bereits 1000 Höhenmeter hoch liegt, zu wandern. In Santiago del Teide angekommen, wanderte ich mit Lasko die Hauptstraße entlang und überlegte, was ich nun machen sollte. Die Uhr am Kirchturm zeigte erst 10 Uhr morgens. Zu früh, um einfach den gleichen Weg zurückzugehen, befand ich. Einfach zu früh, um nicht noch irgendwohin weiter zu wandern.

Wasser für Lasko

Wasser für Lasko

So machten Lasko und ich eine kleine Pause auf einem angelegten Picknickplatz in Santiago del Teide. Wir aßen Frühstück und tranken vor allen Dingen literweise Wasser. Für Lasko konnte ich hier sogar neues Wasser aus einem Wasserhahn zapfen. Frisch gestärkt, beschloss ich noch ein wenig höher ins Gebirge zu gehen. Von Santiago del Teide lassen sich die höchsten Berge des Tenogebirges, der Kleine und der Große Gala (ca. 1400 Höhenmeter) erreichen. Da es im Tenogebirge nicht höher hinaufgeht, machte ich mich Richtung der „Galaberge“ auf den Weg. Mir war bislang kein einziger Mensch auf der gesamten Wanderstrecke begegnet. Ich fragte mich, woran es wohl lag, dass ich heute anscheinend fast allein unterwegs war. Zu heiß? Nebensaison? Zufall? Gedanken kamen und gingen, während ich auf dem steilen Anstieg zum Galasattel mich Meter für Meter höher schraubte. Kein Mensch vor, hinter, über oder neben mir – Menschenleere und gute Gelegenheit zum Nachdenken. Wirklich kein Mensch schien  unterwegs zu sein. Über mir hörte ich Vögel und rechts und links vom Weg huschten Eidechsen davon. So kämpfte ich mich mit meinen Gedanken und Lasko allein weiter hoch.

Oben in einer Höhe von ca. 1300 Metern angekommen, war ich in Schweiß aufgelöst. Auch Lasko war fertig. Er kroch unter einen Busch und hechelte dort weiter. Ich flösste ihm viel Wasser ein. Schließlich hatte ich ja 5 Liter mit mir den Berg hochgeschleppt. Das merkte ich nun auch in den Schultern. Mit schwarzem Staub und Dreck auf der Zunge hechelte Lasko weiter vor sich hin, während ich mich ein wenig umschaute.

Lasko schwitzt

Lasko schwitzt

Leider gab es dort oben am Samstag nicht einmal eine schöne Sicht. Normalerweise sind von dieser Stelle der Teide und alle vor ihm liegenden Berge zu sehen. Zur anderen Seite eröffnet sich ohne Calima ein gewaltiger Blick auf den von diesem Standpunkt unten liegenden kleinen Ort Masca und einen großen Teil des Tenogebirges. Doch ich sah nur Dunst, Nebel und einige schwache Umrisse der Berge. Nun hatte ich fast 12 Kilometer und 1300 Höhenmeter bewältigt. Es war gegen 11 Uhr und ich hatte immer noch keine Lust den ganzen Weg zurückzugehen. Also konnte ich nur weiter gehen. Doch „weiter“ konnte jetzt nur bergab bedeuten.

Calima "vernebelt" die Sicht von der Degollada

Calima „vernebelt“ die Sicht von der Degollada

In die nordwestliche Richtung zeigte ein Schild zum Cumbre Bolíco. So ging ich denn auf der anderen Bergseite weiter. Es war nicht mehr ganz so anstrengend, da es immer leicht bergab ging. Ich persönlich gehe allerdings fast lieber bergauf. Da bergab für mich auf die Dauer auch auf „die Knie geht“ und zudem sehr viel Konzentration erfordert, um nicht ins Rutschen kommen. In einer warmen Nebelwelt stapften Lasko und ich durch Hänge voller Nebelwälder. Kilometer um Kilometer ging es über Berggrate und dann wieder durch Wälder bergab. Zwischendurch hatte ich durch die Wolkenlöcher eine fantastische Aussicht auf die Nordküste um Los Silos und Buenavista del Norte. Mir wurde klar, dass ich in diese Richtung nach Masca herunter wandern musste. Doch der Weg dorthin führt erst einmal kilometerweit fast parallel zur Nordküste bis zum Cumbre del Carrizal auf 920 Höhenmetern. Dort geht es in alle Richtungen steil hinunter. Zur einen Seite Richtung Norden und zur anderen Seite Richtung Masca. Ich folgte dem Weg nach Masca, der mich in weiten Serpentinen zunächst Richtung Cruz de Hilda und dann in den Ort Masca (600 Höhenmeter) hinunterführte. Auf diesem Streckenabschnitt begegnete mir ein britisches Ehepaar, die ersten Wanderer, denen ich an diesem Tag begegnete. Merkwürdig wie sehr ich mich über diese menschliche Begegnung in der Einsamkeit freute. Ich hatte mir so allein in der Höhe bereits ausgemalt, was wohl passieren würde, wenn ich einen Fehltritt hätte und mit gebrochenem Fuss da oben in den Nebelwäldern liegen würde. Zum Glück nur ein schwarzer Gedanke.

Und dann kamen Lasko und ich in Masca an. In dem kleinen Ort Masca war wie immer touristischer Hochbetrieb. Überall parkten Autos am Straßenrand und viele Leute schlenderten durch den Ort, um zumindest aus der Höhe einen Blick in den berühmten Barranco von Masca zu werfen. Lasko und ich benötigten dringend eine Rast. Ich ließ mich im Schatten eines großen Baumes auf einer kühlen Mauer nieder und Lasko streckte sich quer auf dem Kirchplatz aus. Ich gab Lasko meine mitgebrachten Thunfischkonserven, auf die ich gar nicht richtig Hunger hatte. Lasko schon. Doch Beide tranken wir Wasser und noch mehr Wasser. Auf dem Kirchplatz konnte ich auch von einem Imbissstand neues Wasser kaufen. Damit ausgerüstet ging es auf den letzten Wanderabschnitt. Die bekannte Mascaschlucht hinunter. Häufig ist allein dieser ca. 4 Kilometer lange Weg, der 600 Höhenmeter an den Strand von Masca hinunterführt, für viele Wanderer ein Tagesausflug. Für mich war es nun nur noch nach zurückgelegten 19 Kilometern der letzte Streckenabschnitt. Doch da Hunde auf Teneriffa nicht in Bussen mitfahren dürfen und auch von Taxifahrern nicht gerne und nur in Ausnahmefällen mitgenommen werden, hatte ich gar keine andere Wahl.

Barranco von Masca

Barranco von Masca

So ging ich die Mascaschlucht hinunter. Im Moment ist viel weniger Wasser als üblich im Barrancobett. Daher ließ sich die Schlucht an einigen Stellen, an denen es häufig wegen dem Wasser mit der Überquerung der Felsen ein wenig schwer wird, sehr gut durchwandern. Und an einigen Stellen reichte es sogar noch für ein kleines Laskobad. Die großen Wandergruppen waren wohl schon durch die Schlucht. So begegnete ich nur einzelnen Paaren und einigen spanischen Familien. Den Strand erreichte ich nach 2 Stunden und 15 Minuten um 15.15 Uhr. Das war früher als vermutet. Und ich hatte auch noch Glück mit der Bootsverbindung. Das nächste Boot nach Los Gigantes fuhr 15 Minuten später. Lasko und ich schmissen uns regelrecht auf die Liegefläche des Bootes. Und ich hatte das Gefühl, dass ich nie wieder dort aufstehen wollte. Ich war geschafft. Doch viel zu schnell war der Hafen von Los Gigantes erreicht und wir mussten noch einmal hoch und 50 Höhenmeter zur Wohnung bewältigen. Diese letzten 50 Höhenmeter waren wahrscheinlich die Schwersten der ganzen Wanderung. Um 16.30 Uhr ging für mich meine bislang größte Wander Rundtour auf Teneriffa zu Ende. Die Tour werde ich bestimmt so schnell nicht vergessen. Und ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich genau diese Tour noch einmal wiederholen werde. Dann lieber noch einmal: Open End Hiking 🙂

PS: Wegen Calima heute auch nur wenige und leider auch keine besonders guten Bilder. Genießt den Sonntagabend!

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Kommentare
  1. […] Open End Hiking oder wohin gehe ich eigentlich? […]

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  2. leonieloewin sagt:

    So geht es mir tatsächlich auch Charles. Erst muss ich mich fast überwinden. Dann ist es anstrengend. Und danach: der Wahnsinn :-). Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

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  3. Die ziellosen Wanderungen sind manchmal die Besten. Selbst wenn sie ziemlich lange dauern und verdammt anstrengend sind. Im Rückblick weichen die Strapazen mit der Zeit den angenehmen Eindrücken.
    Liebe Grüße, Charles

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  4. kowkla123 sagt:

    ich grüße dich

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  5. leonieloewin sagt:

    Ich gehe auch lieber zu zweit oder mit mehreren Freunden wandern, aber immer passt es nicht. Und dann kann es auch einmal zwecks „innerer Einsicht“ allein ganz spannend sein. Doch in einigen Tagen kommt mein dänischer Freund. Dann ist der Alleingang erst einmal vorbei :-). Liebe Grüße von Deiner Insel, Leonie

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  6. Anna-Lena sagt:

    Immer wieder bewundere ich deinen Mut, die Gegend so zu erkunden. Sicher hast du Lasko als Beschützer, doch so alleine wäre das nichts für mich.
    Pass stets gut auf dich auf, ja?

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  7. kowkla123 sagt:

    vielen Dank, wünsche ich auch

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  8. leonieloewin sagt:

    Danke gleichfalls

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  9. kowkla123 sagt:

    wünsche einen guten Tag

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  10. leonieloewin sagt:

    schön anstrengend 🙂

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  11. kowkla123 sagt:

    das muss ja schön sein, schöne Woche wünsche ich

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  12. leonieloewin sagt:

    Danke liebe Michèle. Dfür hatten wir heute einen mehr als relaxten Sonntag :-). Liebe Grüße nach Hamburg, Leonie

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  13. Wie weit du herumgekommen bist und mit welchen Höhenunterschieden! Leonie, als ich am Anfang deine Beschreibung des Calimas las, dachte ich, du brichst sofrüh auf, damit du vor dem Mittag zurück bist! Doch Lasko und du, ihr habt stattdessen eine Tagestour daraus gemacht. Selbst mit literweisem Wasserproviant stelle ich mir diese Strecke als sehr anspruchsvoll und körperlich ermüdend vor. Zumindest habe ich mich am Schluss gleich mit auf das nächste Sofa geworfen – aus Solidarität. Und Durst hat es auch verursacht! 🙂
    Du hast meine Bewunderung (Lasko selbstverständlich auch)!

    LG Michèle

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  14. leonieloewin sagt:

    Liebe Bärbel, ja, das ist wirklich ein wenig ähnlich. Die Treppen zum Haus wäre ich am liebsten wie Lasko auf allen Vieren hochgekrochen :-). Liebe Grüße und einen schönen Abend, Leonie

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  15. minibares sagt:

    Wow, du hast ja Nerven.
    Solch eine wahnsinnige Tour.
    mit deinen letzten 50 Metern ging dir wir mir, wenn ich unterwegs war und die Treppe im Hausflur ersteigen muss. Dann bleib ich erst eine Weile auf meinem Rollator sitzen.
    Dann kommt er in seine Abstellkammer und ich klettere die 15 Stufen hoch, morgens oder mittags geht es für meine Verhältnisse gut.
    Nur abends ist es ein Problem.
    deine Bärbel

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