schreiben-gegen-rechtsBislang habe ich mich nicht an Blogparaden beteiligt. Doch die Idee von Anna Schmidt aus Berlin ist einfach gut und so möchte ich gerne dabei zu sein. Schreiben gegen Rechts. Und deshalb hier und heute mein kleiner Beitrag.

 

Lichtenhagen und das andere Rostock

Aus beruflichen Gründen zog ich 1991 nach Rostock. Bevor ich Rostock im August 1991 zum ersten Mal sah, war ich noch nie dort gewesen. Alles war fremd. Auf Anhieb gefiel mir die Ostsee und die wunderschöne Natur rund um die alte Hansestadt, mit den zwar verfallenen, aber beeindruckenden alten Gebäuden. Backsteingotik und Hafen- und Hanseflair. Leider war damals meine Freizeit knapp bemessen. Ich war beruflich ziemlich eingebunden, so dass Ausflüge bis zum Wochenende warten mussten.

Rostock 1991

Rostock 1991

Dennoch erschloss ich mir nach und nach die neue Umgebung und lernte dabei auch viele interessante und freundliche Menschen kennen. Leider habe ich zu der Zeit wenig fotografiert, was ich heute sehr bereue. Denn interessante Motive gab es in Mengen. Ich wohnte  in einem kleinen Zimmer in dem Stadtteil Lüttenklein. Nicht weit entfernt von dem aus vielen großen Plattenbauten bestehendem Lüttenklein liegt der Stadtteil Rostock-Lichtenhagen.

Rostock 1991

Rostock 1991

Dieser sollte  in den späten Augusttagen des Jahres 1992 zu traurigem Ruhm gelangen. Gerade ein knappes Jahr in meiner neuen Heimat, erlebte ich aus fast unmittelbarer Nähe die unfassbaren Vorgänge in Lichtenhagen mit. Am Fernsehen verfolgte ich damals starr vor Schreck die Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee. An den Ausschreitungen, die als die massivsten rassistisch motivierten Angriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte gelten, beteiligten sich mehrere hundert  rechtsextreme Randalierer und bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Nachdem die Aufnahmestelle evakuiert worden war, wurde das angrenzende Wohnheim, in dem sich noch über 100 Vietnamesen und ein Fernsehteam aufhielten,  in Brand gesteckt. Während dieser gewalttätigen Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück und die im brennenden Haus eingeschlossenen Menschen waren schutzlos.

Ich saß vor dem Fernseher und konnte nichts machen. Ohnmacht, Wut und Entsetzen. Schlagartig veränderte sich auch mein Rostockbild. Wie konnte so etwas möglich sein? Hier vor meiner Haustür in der schönen alten Hansestadt? Ab dem nächsten Tag thematisierten wir im Kollegen- und Bekanntenkreis wieder und wieder die schrecklichen Vorgänge. Es bildeten sich Bürgerinitiativen und Bündnisse gegen rechte Gewalt. Für mich war klar, so etwas hätte nicht passieren dürfen und darf nicht wieder passieren. Das wenige, das ich als „Einzelmensch“ machen kann, um solche Vorgänge zukünftig zu verhindern, möchte ich auf jeden Fall tun.

Doch ich lernte Rostock auch noch von einer anderen Seite kennen. Mitte der 90er Jahre zogen wir in die Kröpelinertor Vorstadt nahe dem Rostocker Zentrum. Hier gingen unsere Söhne zunächst in die Kita und dann in die Grundschule. In der Kita und im Kindergarten gab es auch viele ausländische Kinder. So freundete mein Jüngster sich mit einem kleinen Chinesen, dessen Eltern an der Universität in Rostock arbeiteten, an. Zu seinem Freundeskreis gehörten weiter ein Vietnamese und ein Chilene. Daher waren unsere Kindergeburtstage geprägt von einem bunten kulturellen Miteinander. Ich lehnte damals durch diese Kontakte viel über andere Länder, Sprachen und Kulturen. Da es zu der Zeit üblich war, dass die Eltern die Kinder von den Geburtstagen abholten und danach eine Weile blieben, erlebte ich in Rostock auch ein sehr schönes Beieinander von unterschiedlichsten Menschen und Kulturen. Dafür bin ich heute noch dankbar. Der kleine Chinese mit dem Namen (gesprochen etwa Yuchi) wurde von den meisten Menschen Chichi gerufen. Er mochte das nicht und wollte gerne auch einen deutschen Namen. Und da er mit meinem Sohn Leo befreundet war, wählte er dessen Namen und erhielt  den zusätzlichen deutschen Namen Leo. Später ging die Familie zurück nach China. Und so kommt es, dass es heute in China irgendwo einen jungen Mann namens Leo gibt.

Rostock 2013

Rostock 2013

Auch das alles ist in Rostock passiert. Und auch das ist Rostock. Wenn jährlich im Sommer im Hafen die Hansesail, eine maritime Großveranstaltung mit hunderten von Segelschiffen aus aller Welt beginnt, herrscht an der Kaikante in Rostock ein buntes Treiben von unterschiedlichsten Menschen aus allen Nationen. Ein Sprachengewirr und doch eine große Gemeinschaft. Die Liebe zu den großen Seglern, die die Seeleute und die Besucher aus aller Welt verbindet.

Hanse Sail 2013

Hanse Sail 2013

Für die Zukunft hoffe ich, dass wir alle kein „Rostock-Lichterhagen“ mehr erleben müssen. Ich wünsche mir, dass wir und unsere Kinder und Kindeskinder  vermehrt Erfahrungen geprägt  von gegenseitigem Verständnis, Toleranz und Akzeptanz machen werden.

 

 

 

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Kommentare
  1. kowkla123 sagt:

    nie vergessen!!!!!, schöne Woche wünsche ich

    Gefällt 1 Person

  2. Anna-Lena sagt:

    Ich kann mich an die Vorfälle in Rostock dunkel erinnern und aich an mein Entsetzen, dass so etwas in Deutschland geschehen kann.
    Aber solche Angriffe haben sich vielfältig wiederholt und genau deshalb ist es immer wieder wichtig zu betonen, dass es auch andere Menschen gibt und eine kulturelle Vielfalt doch möglich ist.
    ich kenne Rostock noch nicht, aber mittlerweile liebe Menschen, die dort leben und ich hoffe, es in diesem Sommer mal nach Rostock zu schaffen. Ich bringe dir dann gern Bilder mit 🙂 .

    LG Anna-Lena

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Leonie, so wunderbar, dass du in deinem Beitrag beide Seiten der Stadt aufzeigst, an die ich sehr schöner Erinnerungen habe. Genau das ist der Punkt, der mir für das etwas südlichere Bundesland, das gerade so oft verteufelt wird, so leid tut. Ich kenne dort so liebenswerte, offene und kluge Menschen, die gerade wirklich gegen Vorurteile kämpfen müssen. Wir kommen mit vorschnellen Urteilen nicht weiter und dürfen den Blick für Gutes nicht verlieren! Lieben Dank für deine Teilnahme!

    Gefällt 1 Person

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