Immer noch eine Geisterstadt

Veröffentlicht: 8. März 2016 in Foto und Geschichten, Leonies Leben 2016, LeoniesLeben, Rost, Spanisches Leben
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Geisterstadt - Puerto de Santiago

Geisterstadt – Puerto de Santiago

Vor über zwei Jahren habe ich den unten stehenden Artikel für das Internetportal Noticias7 geschrieben. So wirklich hat sich seitdem an der Immobiliensituation auf Teneriffa nicht geändert. Der verwaiste Kran dreht sich  jedenfalls weiterhin im Wind über der „Geisterstadt“ in Puerto de Santiago.

 

Immobilien – hoher Leerstand auf den Kanaren
Auch die neueste Meldung, die uns in den letzten Wochen über die Nachrichtenticker erreichte, dass es auf den kanarischen Inseln über 140.000 leere Häuser gäbe, konnte nicht mehr wirklich schocken. Denn jeder, der sich auf den sonnigen Inseln in den letzten Jahren mit offenen Augen umsieht, stößt dort nach sehr kurzer Zeit auf leerstehende Immobilien. Überall in den Orten und auch auf den Landstraßen fallen die vielen Schilder in den Fenstern oder vor den Häusern auf. „SE VENDE“ (zum Verkauf) ist auf den Schildern zu lesen. Wohnungen oder ganze Häuser stehen allerorten zum Verkauf. Wer eine neue Wohnung oder ein Haus kaufen möchte, hat zurzeit die freie Auswahl.

Ab und zu sind es nicht nur Einzelobjekte, sondern ganze Viertel und Siedlungen, die so gut wie oder aber auch tatsächlich vollkommen leer stehen. Wie Geisterstädte muten diese halb fertigen Siedlungen an. Die Straßen sind erschlossen. Dennoch parkt kein Auto auf den vorbereiteten Parkplätzen. Kein Mensch ist auf der Straße oder auf den Balkonen der kleinen weißen Bungalowhäuser, auf denen die neuen Balkongitter in der Sonne glitzern, zu sehen. Keine Menschen, dafür häufig inmitten dieser Siedlungen anzutreffen: zurück gelassene Baumaterialien oder gar Baumaschinen. So dreht sich zum Beispiel im nördlichen Wohngebiet über Puerto de Santiago auf Teneriffa der große langsam vor sich hin rostende Kran ganz leicht im Wind über der ausgestorbenen Siedlung. An solchen Stellen ist die Krise nicht zu übersehen. Die Insolvenz hat zugeschlagen. Arbeitsstellen auf dem Bau gibt es hier schon lange nicht mehr.

Die neue Zahl des Immobilien Leerstandes basiert auf einer Zählung aus dem Jahr 2011. Es gibt nach diesen neuesten Daten basierend auf der Jahreszählung 2011, die vom Nationalen Institut für Statistik (INE) veröffentlicht wurden, fast 140.000 Wohnungen ohne Bewohner. Genauer gesagt, waren von den insgesamt 1,04 Millionen kanarischen Immobilien im Zählungsjahr 138.262 leer. Eine seit dem Jahr 2011 steigende Tendenz wird weiterhin vermutet, denn immer mehr Spanier haben ihre Arbeit verloren. Viele von ihnen verlassen die Inseln, um sich in anderen europäischen Ländern Arbeit zu suchen. Oder sie gehen, wie zum Beispiel nach Südamerika, zurück in ihre Heimatländer.

Bevölkerung der kanarischen Inseln wächst bis 2019 auf 2,5 Millionen Menschen an
Unabhängig von dieser Entwicklung, ist die Bevölkerung der kanarischen Inseln im Wachstum begriffen. Nach den veröffentlichten Erhebungen des Kanarischen Instituts für Statistik Istac (Instituto Canario de Estadística) soll bis zum Jahr 2019 die Einwohnerzahl auf den Kanaren um 500.000 Einwohner ansteigen, so dass die Bevölkerung dann 2,5 Millionen Menschen betragen wird. Laut Statistik sind die kanarischen Inseln auch die spanische Region mit dem zweithöchsten Bevölkerungswachstum im letzten Jahrzehnt. Die Bevölkerung erreichte nach der Statistik des Nationalen Institutes für Statistik (INE) auf den kanarischen Inseln im Jahr 2011 die Anzahl von 2.082.655 Menschen. Davon waren 13,3 Prozent Ausländer. Die Gesamtbevölkerung der Inseln stellt im Bevölkerungswachstum im letzten Jahrzehnt den zweitgrößten spanischen Bezirk hinter den Balearen da. Die Bevölkerung wuchs um 22,9 Prozent, während die Bevölkerung der Balearen um 30,8 Prozent anwuchs. Infolge der erhöhten Bevölkerung sind die Kanaren und die Balearen auch die am schnellsten wachsenden Gebiete

Leerstand und wachsende Bevölkerung ein Widerspruch?
Die Bevölkerung auf den kanarischen Inseln nimmt ohne Zweifel zu. Und dennoch stehen die Immobilien leer. Das lässt allein den Schluss zu, dass der zu erwerbende Wohnraum für die meisten Insulaner entweder nicht mehr finanzierbar ist und sie ihn verlassen müssen. Oder auch für viele Inseleinwohner ein Erwerb einer Immobilie finanziell nicht möglich ist. So bleibt nur die Hoffnung der Immobilienhändler auf ausländische Investoren, die nach wie vor gerne eine Ferienimmobilie auf den sonnigen Inseln erwerben möchten.

Doch im Moment gibt es auf dem Immobilienmarkt so viele Häuser und Wohnungen, für die ein potentieller Käufer dringend gesucht wird, dass es nicht genügend Kaufwillige gibt. Infolgedessen werden die Kaufinteressenten von den Verkäufern mit immer größeren Versprechungen und kostenlosen Zusatzleistungen umworben. Manch kleiner Immobilienhändler musste seine Tätigkeit auch bereits einstellen. So erzählte mir vor einiger Zeit ein Immobilienhändler aus Adeje, dass er nun selber sein Haus und sein Geschäft zum Verkauf anbieten müsse. Seine Familie und er würden für drei Jahre nach Zentralafrika gehen, wo er eine Stelle angeboten bekommen habe. Er kann nun dort in seinem alten Beruf als Ingenieur arbeiten. Dieser Mann ist ganz bestimmt nicht der einzige aus seiner Zunft, der sein Geschäft aufgeben muss. Viele Immobilienbüros, die sich nicht verkleinern oder ganz aufgeben, stellen ihr Konzept um. Es gilt sich mental und sprachlich auf die große neue Kundschaft aus den östlicheren Ländern Europas einzustellen. Kyrillische Schriftzeichen für die überwiegend russische Kundschaft scheinen in den meisten Immobiliengeschäften mittlerweile zum Standard zu gehören.

Ein ganz klarer Käufermarkt, der weiterhin willigen Immobilienkäufern zurzeit immer noch so manches Schnäppchen ermöglicht. Verkauft wird von den immer noch in großer Anzahl auf den Inseln ansässigen Immobilienmaklern, von privaten Eigentümern und letztlich auch von den Banken selber, die die Wohnungen von zahlungsunfähigen Kreditnehmern zurück erhalten haben. Doch die persönliche kleine Finca in einer guten Lage zu einem guten Preis ist eine Sache. Aber was soll mit den Immobilien werden, die täglich weiter verwahrlosen und für die es auch in einem Jahr mit Sicherheit keinen Käufer geben wird, da sie in weniger attraktiven Lagen anzutreffen und bereits jetzt offensichtlich dem Verfall preisgegeben sind?

Geisterstädte und Ruinen
Ein weiteres Problem sind die Häuser oder besser gesagt, ganze Gebiete, die ausgestorben sind. Dort stehen auch keine „Se vende“ Schilder mehr. Manchmal verwahrlosen auf diese Art hunderte von Häusern am Stück. Der nagende Zahn der Zeit ist unübersehbar. Dort wartet niemand mehr auf einen Käufer. Es könnte an diesen Orten möglicherweise nur noch ein finanziell gut ausgestatteter Großinvestor helfen, der die eingeschlafenen Projekte zu neuem Leben erwecken müsste. Doch woher soll der kommen und wer will ihn finden? Aber selbst, wenn es ihn gäbe, würde das kaum das Blatt zum Guten wenden können. Wahrscheinlich werden diese Gebiete mit der Zeit verfallen müssen, denn wenn der Immobilienleerstand bereits in den Städten und Dörfern nicht mehr zu übersehen ist, ist mit Sicherheit nicht die Zeit, um in weiteren Gebieten neuen zusätzlichen Wohnraum zu errichten.
Baugerippe – keine schöne Aussicht
Eine weitere Vorstufe von dem Leerstand sind die häufig äußerst unansehnlichen Baugerippe, die an vielen Stellen auf den Inseln zu finden sind. Hier handelt es sich nicht nur um an sich fertige, aber zurzeit nicht verkäufliche Immobilien, sondern um Bauten, die vor Jahren und teilweise auch Jahrzehnten begonnen worden sind. Später nachdem das Betongerippe stand, wurde der Bau aus den unterschiedlichsten Gründen abgebrochen und nicht mehr fertig gestellt.

So ist zum Beispiel in der oberen Reihe von Los Gigantes seit Jahren ein großer freier Bauplatz am Berg vorbereitet, um dort im damaligen Bauboom neue Terrassenhäuser zu errichten. Der nun seit Jahren leerstehende Platz fällt jedoch nicht so unansehnlich ins Auge, wie die gleich daneben stehenden nun seit über 30 Jahren in den Himmel ragenden betonierten Baugerippe. Angefangen, nicht fertiggestellt und verlassen. Keiner kümmert sich um den Bau. Weder Weiterbau noch Abriss stehen auf dem Programm. „Wann wird alles zusammenfallen“, fragen sich nicht nur die Einwohner von Los Gigantes. Ähnliche Gerippe trifft der Inselreisende überall und wundert sich, dass die Verschandelung der Umgebung, die von diesen Gebäuden unzweifelhaft ausgeht, anscheinend niemanden zu stören scheint.
Immobilienleerstand und Bevölkerungswachstum – Chance oder Risiko?
Das Gute an der Immobiliensituation auf den kanarischen Inseln ist, dass grundsätzlich genügend Wohnraum für die wachsende Bevölkerung da ist. Wie so oft im Leben – im Moment scheitert der Einklang am nicht vorhandenen Geld. Die Menschen, die für sich und ihre Familien Wohnraum auf den kanarischen Inseln benötigen, können sich die Immobilien immer weniger leisten. Und für viele Immobilien, Projekte und Investitionen fehlt zudem das Geld vom Staat oder auch von spanischen oder ausländischen Investoren.

So bleibt für die Zukunft nur zu hoffen, dass die Politik schnell und effektiv Lösungen finden wird, um die wirtschaftliche Lage auf den kanarischen Inseln zu verbessern. Denn wirtschaftlicher Aufschwung allein ist die Voraussetzung für Arbeit, Geld und damit auch bezahlbarem Wohnraum. Sollte dieser ausbleiben, werden Investitionen weiter ausbleiben, wird sich der Leerstand bei den Immobilien weiter erhöhen und auch der Erwerb von Wohnraum für einen großen Teil der kanarischen Bevölkerung weiterhin nicht bezahlbar sein.

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Kommentare
  1. minibares sagt:

    Das ist ja ein Ding!
    Da könnten ja Flüchtlinge untergebracht werden

    Gefällt 2 Personen

  2. Was für eine unglückliche Situation! So schnell wird sich nichts ändern in Richtung Aufschwung, und bis es irgendwann einmal (hoffentlich) zu einer positiven Entwicklung der wirtschaftlichen Lage auf den Inseln kommt, sind jetzt zum Verkauf angebotenen Häuser extrem heruntergekommen. Das passiert bei Leerstand und sobald sich keiner mehr um etwas kümmert erstaunlich schnell. In dem Fall wäre zu jenem Zeitpunkt in der Zukunft ein sofortiges Bewohnen nach Kauf gar nicht möglich, sondern erst einmal eine Sanierung nötig.

    Und momentan leben also theoretisch genügend Leute dort und bräuchten eine Wohnung … Eine wie die, die jetzt um die Ecke und in gutem Zustand vorhanden ist.
    Wie bitter.

    LG Michèle

    Gefällt 1 Person

    • leonieloewin sagt:

      Ja liebe Michéle, wie richtig. Doch bei den oben abgebildeten Wohnungen bin ich nicht einmal mehr sicher, ob die überhaupt bewohnbar wären oder abgerissen werden müssten. Wenn Du näher hinschaust, siehst auf den Balkonen Wasser. Bevor Menschen dort einziehen könnten, müsste auf jeden Fall saniert werden. Liebe Grüße zu Dir nach Hamburg, Leonie

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