Mit ‘Verwaltung’ getaggte Beiträge

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Im letzten Oktober passierte in unserer Straße hier auf Teneriffa etwas sehr Merkwürdiges. Als ich mit Lasko auf meinem Morgenspaziergang die Straße hinunterlief, fielen mir gelbe und blaue Absperrungen auf. Normalerweise verwendet die örtliche Polizei diese Absperrungen bei Unfällen oder  Bauarbeiten. Doch hier standen die Absperrungen einfach so vor einem Haus in unserer Straße. Ein Mietshaus, in dem sechs Parteien wohnen. Ich wunderte mich, denn um eine Baumaßnahme konnte es sich nicht handeln. Das Haus ist das Neueste in der Straße und wohl erst vor einigen Jahren fertig gestellt worden.

Als ich mit Lasko vom Morgenlauf zurückkam, packte mich die Neugier als ich an den Absperrungen weiße Papiere entdeckte. Anscheinend eine spanische Erklärung. Ich fing an zu lesen. Da kam eine Engländerin, die in dem Haus mit ihrer Familie wohnt, auf mich zu. „Du kannst doch Spanisch. Kannst Du mir sagen, was da steht?“ Ich las und druckste dann ein wenig herum. „Du, wenn ich das richtig gelesen habe. Dann wollen die morgen früh ab sieben Uhr Euer Haus abreißen.“ „Was, das kann doch nicht sein?“ Wir waren beide gleichermaßen sprachlos. Ich las den Text immer wieder. Da stand ganz klar. Morgen früh ab sieben bis zum Ende der Arbeiten (?) kann hier wegen Abbrucharbeiten am Haus nicht geparkt werden. Begründet wurde der Abriss mit einem Gerichtsurteil.

Die Nachbarin erklärte mir, dass der Eigentümer des Nachbarhauses gegen den Eigentümer ihres Hauses geklagt und gewonnen habe. Anscheinend hat ihr Eigentümer das Haus in einigen Teilen zu hoch oder zu nah an die Nachbargrenze gebaut. Aber gleich ein Abriß und dann so plötzlich?  Die Nachbarin alarmierte die anderen Bewohner und alle beratschlagten lautstark vor dem Haus, was denn nun wohl zu tun sei.

Schließlich klopften sie bei mir an und fragten, ob ich bitte ihren spanischen Vermieter anrufen  und ihm mitteilen könne, dass sein Haus abgerissen werden solle. Ich tat das. Und während ich die Nummer wählte, erwartete ich , dass der arme Mann nun völlig aus dem Häuschen sein würde. Doch der hörte sich meine Mitteilung ganz ruhig dann. Dann war einen Moment Ruhe am anderen Ende der Leitung. Und dann sagte er sehr ruhig und gefasst: „Ach, da passiert schon nichts. ¡No pasa nada! Ich komme morgen früh mal vor bei. Sagen Sie das bitte meinen Mietern“. Ich war erstaunt, dass der Eigentümer anscheinend überhaupt nicht besorgt war und es nicht einmal für nötig hielt, um sieben Uhr vor Ort zu sein. Doch ich richtete die Botschaft aus.

Am nächsten Morgen um sieben waren alle Einwohner auf ihren Terrassen versammelt. Es passierte jedoch erst einmal nichts. ¡No pasa nada! , wie die Spanier gerne sagen. Um 9.00 Uhr kam der Eigentümer vorbei und unterhielt sich mit den Leuten. Auf der Straße passierte weiter nichts. Als ich nachmittags am Haus vorbei kam, rief mir meine Nachbarin erleichtert zu: „Alle sagen, dass nichts passieren wird“. „Na dann“, dachte ich, “ ist ja alles gut“.

Tatsächlich standen die bunten Barrieren noch weitere 5 Tage dort. Dann sammelte die Polizei sie wieder ein. Ruhe kehrte in die Straße ein. Ich schmunzelte über den Vorgang, der mir sehr „spanisch“ vorkommt. Lachend erzählte ich auch Freunden davon.

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Doch stellt Euch vor, was gestern Morgen passierte. Vier Monate später anscheinend das gleiche Spiel. Ich fand das selbe Haus umgeben von bunten Straßensperren vor. Auf dem beigefügten Papier wird wieder auf einen Gerichtsbeschluss hingewiesen und Maßnahmen für den 15. Januar um 7.00 Uhr angekündigt. Die Einwohner des Hauses finden das Ganze nicht so lustig, aber nehmen es mit Humor. ¡No pasa nada! meint die Nachbarin.

SperreNa hoffentlich hat sie recht und es bleibt auch dieses Mal beim ¡No pasa nada!. Morgen früh wissen wir mehr.

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Schlange stehen nicht nur auf der Straße

Schlange stehen nicht nur auf der Straße

Da Busse auf der Insel Teneriffa Hunde nicht mitnehmen und Frau mit Hund beweglich sein möchte, habe ich mir ein über 20 Jahre altes Auto zugelegt. Der „Oldtimer“ ist in einem guten Zustand, fährt und hat ohne größere Schäden sogar den Sturz in die Brombeerbüsche überstanden. Einmal im Jahr müssen jedoch auch in Spanien alte Fahrzeuge zum TÜV, der hier – zumindest auf Teneriffa – itv heißt.

Ich war richtig froh, als mir jemand erzählte, dass die Anmeldung zum itv recht einfach über das Internet ginge. Und tatsächlich. Itv gesucht, einen Standort in der Nähe gefunden und gleich einen Termin reserviert. Das ging wirklich einfach. Doch würde der Sicherheitscheck des alten Wagens gleichermaßen gut laufen? Ein wenig Sorgen machte ich mir nicht nur allein wegen Alter und Zustand des Gefähts. Würden meine Spanischkenntnisse ausreichen?

Doch alles Sorgen nützte nichts, gestern ging es auf nach Adeje, einer 20 Kilometer entfernten Stadt. Schnell hatte ich den großen Parkplatz vor dem itv gefunden. Doch was war das? In vier langen Reihen standen die Wagen vor der Servicehalle Schlange. „Na, das kann ja dauern“, dachte ich mir. Ich reihte mich gleich mit meinem Fahrzeug in eine Schlange ein. Doch das war mein erster Fehler des Tages. Sofort kam ein Mitarbeiter, der mir mit großen Armbewegungen unmissverständlich bedeutete, dass ich aus dem Gelände herauszufahren hätte und vor dem Oficina parken müsse.

Das tat ich und ging artig, wie der Mitarbeiter mir gesagt hatte, in das Oficina. Mein Termin war um 12.00 Uhr. Es war genau 11.30 Uhr. Im Oficina standen mindestens 50 Personen und drängten sich vor einem Schalter, hinter dem zwei Personen die Fahrzeugpapiere entgegen nahmen. Seufzend stellte ich mich an und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Plötzlich rief der eine Herr hinter dem Schalter: “Ist hier jemand mit Termin?“ Ja, ja, zwei Herren und ich stürmten nach vorne. Anscheinend werden „Termine“ bevorzugt abgefertigt. „Doch nicht so schlecht“, dachte ich und Hoffnung keimte in mir auf, dass ich bald aus dem Oficina wieder herauskommen würde. Nachdem die beiden Herren ihre Papiere überreicht und gezahlt hatte, wollte ich gleiches tun.

„Wann haben Sie Ihren Termin?“ fragte mich der Herr vom itv streng. „Um 12“, erwiderte ich brav. Mit einem Blick auf die Uhr an der Wand schüttelte er den Kopf: „Jetzt ist es 20 vor 12.Können Sie das nicht sehen? Kommen Sie um 12 wieder“. So entlassen trat ich wieder in die Masse zurück und wartete brav weitere 20 Minuten. Um Punkt 12 wollte ich mich gerade wieder zum Schalter aufmachen. Da wurde mir bedeutet, mich hinten anzustellen. Die Zeit für bevorzugte Termine war wohl abgelaufen. So wartete ich Zähne knirschend in einer Schlange bis ich an die Reihe kam. Und als ich dann endlich vor dem Schalter treten durfte, notierte der freundliche Herr, dass ich jetzt anwesend sei. „Hätte er vielleicht auch schon vorhin machen können“, dachte ich grummelnd bei mir.

Er erklärte mir, dass ich nun warten müsse, bis mein Nummernschild aufgerufen würde. Das machte ich und war nach einer weiteren halben Stunde wiederum – dieses Mal aufgerufen – am Schalter. Nun durfte ich alle Papiere zeigen und ich war sehr froh, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden spanischen Papiere dabei hatte. Die Wagenpapiere, die Versicherung, die Steuernummer, die Bestätigung der Steuernummer, meine Wohnbescheinigung und und und. Und auf jedem der Papiere steht meine Adresse. Doch die durfte ich zum Abschluss noch einmal persönlich auswendig für die Dame am PC aufsagen. Eine Stunde nach meinem Termin konnte ich zahlen. Dankbar verließ ich mit meinen und einigen neuen Papieren das Oficina.

Jetzt war es mir gestattet, mich endlich in eine Schlange, und zwar in die Schlange mit der Nummer vier einzureihen. Ich passte gut auf, tatsächlich in die richtige Reihe zu fahren. Denn noch einmal wollte ich hier nicht unangenehm auffallen. Wagen für Wagen kam ich so auf der Bahn 4 der Halle näher. Und dann war ich mit der itv Überprüfung dran. Blinken, hupen, lenken und bremsen. In 10 Minuten war ich zu meiner Überraschung schon wieder aus der Halle auf der anderen Seite heraus. Das war der schnellste Part. Das Warten auf die Plakette und die neuen Papiere dauerte dann nur noch 15 Minuten. Dann war es geschafft und mit einer neuen roten Plakette an der Windschutzscheibe konnte ich den itv verlassen. Bis zum nächsten Mal.

 

Sonne für warmes Wasser?

Sonne für warmes Wasser?

Ich kann es selber noch kaum glauben. Aber tatsächlich – mein Elektrik-Problem ist gelöst. Was lange währt, scheint wirklich endlich gut zu werden. Ich kann kochen, duschen und nebenbei auch noch Licht anknipsen. Wunderwerk der Technik. Was ist passiert?

Kurz nachdem ich in mein neues Apartment eingezogen bin, hat mir die zuständige und zugleich einzige „Energieliefergesellschaft“ auf Teneriffa die Stromleistung verkürzt. Nach langen Recherchen, über die ich hier auch schon geschrieben habe, fand ich heraus, dass die Reduzierung der Energieleistung bei Vertragswechsel auf Teneriffa ganz normal ist. Immer wenn ein Vertragspartner wechselt, wird ein neuer Stromzähler eingebaut und die Stromleistung so reduziert, dass keine zwei elektrischen Geräte nebeneinander laufen können.

Sinn ist: Die Stromgesellschaft möchte noch ein wenig mehr verdienen. So muss vor dem neuen Vertragsabschluss mit normaler Stromlieferung ein Zertifikat in der Hauptstadt gekauft werden, das besagt, dass die Elektrik in der Wohnung in Ordnung ist. Dieses Zertifikat kann nur durch spanische Elektriker beantragt werden und kostet über 400 €. Die spanischen Elektriker müssen bezeugen, dass in der Wohnung gute elektrische Leitungen vorhanden sind. Ist die Elektrik nicht in Ordnung muss sie selbstverständlich in Ordnung gebracht werden. Da sie zumeist in Ordnung ist, ist nur eine kleine „Schönheitsreparatur“ von Nöten. Mir lagen im Frühjahr unterschiedliche Angebote von 500 bis 1500 € vor. So unterschiedlich kann die Behandlung von Wechselstrom also sein.

Lange hat es gedauert, bis ich alle diese Dinge um die „wechsel- und für mich rätselhafte“ Elektrizität erst einmal recherchiert hatte. Und noch länger hat es gedauert, bis ich die entsprechenden Elektriker gefunden hatte. Doch Anfang Dezember standen sie vor meiner Tür. Ich überreichte die Euros und dann ging alles seinen spanischen Gang. Die Elektriker kauften für 5 Euro eine neue  Sicherung, die sie anschließend in meinem Apartment auswechselten. Nicht das das wirklich notwendig gewesen wäre, denn wer mitgelesen hat, weiß, dass die Sicherung bereits im letzten Frühjahr ausgewechselt wurde. Doch irgendetwas mussten sie ja der Form halber machen, um in der Hauptstadt an der zuständigen Administrationsstelle bestätigen zu können, dass meine Wohnung nun tatsächlich auf dem neuesten elektrischen Stand ist.

Und das haben die Beiden anscheinend erfolgreich gemacht. Denn nach zwei Wochen kamen sie wieder und überreichten mir ein Zertifikat, das diesen Zustand bestätigte. Doch wie ging es nun weiter? Die beiden Elektriker erklärten mir, dass ihre Arbeit damit getan sei. Ich müsse zu der Elektrizitätsgesellschaft und das Zertifikat vorlegen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, obwohl das wieder eine lange Fahrt bedeutete. Doch so einfach war die Sache dann leider doch nicht. Es folgten einige schriftliche Anträge, Warterei und unzählige Telefonanrufe. Schlussendlich war der Antrag endlich im Geschäftsgang der Gesellschaft. Jedenfalls erhielt ich noch kurz vor Weihnachten eine Mail, dass mein Zertifikat nun an die zuständige Abteilung der Gesellschaft weitergeleitet würde. Am 3. Januar erfuhr ich, dass jetzt bald jemand käme, um den elektrischen Zustand der Wohnung zu kontrollieren. Ich wartete vergeblich und erfuhr auch auf Nachfrage nicht, wann das denn nun sein solle.

Doch – oh Wunder. Am 15. Januar stellte ich durch Zufall fest, dass ich waschen und kochen zugleich konnte. Ganz in Gedanken hatte ich den Herd angedreht, obwohl doch die Waschmaschine lief. Die Elektrizität war ganz plötzlich und leise zurückgekehrt. „Was für ein Luxus!“, jubelte ich innerlich. Vorsichtig probierte ich alle elektrischen Schalter in der Wohnung aus. Keine Sicherung versagte den Dienst. Die Elektrizitätsgesellschaft leitet also tatsächlich wieder mehr Strom in meine vier Wände. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass ich demnächst noch einen neuen Vertrag und zwei gesonderte Abrechnungen über die alte und die neue Elektrizität erhalten würde. Aber damit kann dieses Kapitel hoffentlich geschlossen werden.

Ganz lässt mich das Thema Elektrizität allerdings doch nicht los. Mich beschäftigt die Frage, ob es sich nicht doch irgendwie machen lässt, Sonnenkollektoren für warmes Wasser auf dem Dach anzubringen. Denn Sonnenschein gibt es auf der Insel doch wahrlich genug. Warum verwendet die hier anscheinend so gut wie niemand? Ich habe mich bei einigen Elektrikern, die ich ja nun in ausreichender Zahl kenne, erkundigt. Die meisten von ihnen winkten ab und meinten, dass die Installation einer sonnenbeheizten Wasseranlage viel zu teuer sei. „Da können Sie mehr als 20 Jahre Strom zahlen, bevor sich eine solche Anlage amortisiert“, war eine vielgehörte Antwort auf meine Frage. Tatsächlich? Billig ist so ein umweltfreundliches Teil auf dem Dach wahrscheinlich wirklich nicht. Doch noch gebe ich nicht auf. Ich habe von einem britischen Anbieter erfahren, der hier auf der Insel bereits einige Sonnenkollektoren für warmes Wasser installiert hat. Doch bevor es nun in die zweite Runde Elektrizität geht, werde ich erst einmal in Ruhe duschen, waschen und mir etwas schönes kochen :-).

Hund denkt

Hund denkt


Gestern
– wir hatten viel im Ort zu tun. Jedenfalls meinte Leonie, dass sie viel im Ort zu tun hätte. Sie schleppte mich von einem Geschäft zum nächsten. Und danach von einer Verwaltung zur nächsten Verwaltung. „Ich brauche soooo viele Papiere“, sagte sie. Zum Glück brauche ich keine Papiere. Denn wenn ich Leonie so beobachte, scheint es recht schwer zu sein, die richtigen Papiere zu bekommen. Um die richtigen Papiere zu bekommen, muss Leonie lange Anträge ausfüllen und mit diesen Antragspapieren wieder andere Papiere einreichen. Nee ehrlich, ich blicke da nicht mehr durch. Gut, dass ich nicht einmal Papier zum Abwischen des hinteren Teils von mir benötige :-).

Heute – wir waren auf dem Montaña Roja. Das ist ein kleiner roter Felsen im Süden der Insel, von dem man einen tollen Ausblick hat. Aber es war sehr heiß und staubig da oben. Das Gute ist, dass dieser Felsen unmittelbar am Meer liegt. Und als wir von dem Felsen herunter gestiegen waren standen  wir am Strand. Wunderbar – ein einsamer Strand. Doch was war das? Ich war schon da. Ich dachte, ich träume oder ich habe zu viel gewandert. Mitten am Strand tobte mein Ebenbild herum. Da konnte Leonie nicht anders. Obwohl es auch an diesem Strand verboten ist, leinte sie mich ab. Wie der Blitz war ich bei meinem Ebenbild, der bei genauerer Betrachtung ein Jahr älter (das konnte ich riechen)  und ein paar Kilo schwerer war. Aber er hatte die gleichen Hobbies wie ich. Baden, Stöcke aus dem Wasser holen, rennen. Wir rockten den Strand. Danke Leonie, dass Du das Risiko, eine Multa zu kassieren, eingegangen bist. Ein wunderbares Stranderlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Morgen – wir wollen das Auto sauber machen. Drei Millionen Labbihaare müssen von den Sitzpolstern entfernt werden. Wer will uns helfen?

Und während ich in Freiburg weile, kann ich Euch – sofern Ihr mögt – ein wenig weiter aus der Anstalt lesen lassen. Ein Staatssekretär hatte eine Idee und jetzt wird man sehen, was er daraus macht. Ich wünsche Euch einen schönen Tag und viel Spaß beim Lesen.

Bereits am nächsten Arbeitstag wirbelten Stäbe um den Staatsekretär herum, denen er schwungvoll erläuterte, dass die gesamte Liegenschaftsverwaltung der öffentlichen Hand seiner Meinung nach vollkommen überaltert wäre und in ihrem Aufbau und ihrer Organisation nicht mehr der Zeit entspräche. „Unsere Aufgabe ist es nun,  zeitnah etwas innovatives Neues schaffen“, teilte er seinen Mitarbeitern mit.

Auch sein persönlicher Referent Herr Maier war wieder aufgetaucht und verschwieg geflissentlich, dass der neue Westflügel der Finanzdirektion ein beeindruckendes Bauwerk war und dass das zu diesem Anlass gebotene Catering ihm auch recht gut gemundet hatte. Das Abendessen gestern hatte er sich sparen können. Außerdem hatte er auf dem Treffen so viele interessante Gespräche bis Punkt Dienstschluss geführt, dass er seiner Kollegin noch an diesem Morgen vollkommen begeistert versichert hatte, dass durch die Einweihung des Westflügels, der gestrige Tag für ihn rundum gelungen gewesen sei.

Der Staatssekretär nahm seinen gestern so schmerzlich vermissten Referenten heute gar  nicht richtig war. In seiner Vorstellung sah er bereits wunderschöne Bilder vor sich. Ein Staatsunternehmen, das den Inbegriff der modernen Verwaltung darstellte. Lächelnde freundliche Serviceangestellte, die entspannt am Schreibtisch telefonierten, in Konferenzen gingen und aus den staatlichen Liegenschaften fast ohne Mühe nebenbei Vorzeigeliegenschaften herrichteten.

Dass trotz großen Instandhaltungsrückstaus an den maroden staatlichen Gebäuden, dies alles ohne Einsatz großer Mittel geschehen sollte, verstand sich zumindest für den Staatssekretär von selbst. „Genau deswegen“, erklärte er gerade seinen ein wenig zweifelnd schauenden Mitarbeitern, „gründen wir  ja nun ein Unternehmen und machen der lahmen Verwaltung mal ein wenig Dampf unter dem Hintern“. Um seine Lippen zeigte sich ein kleines Lächeln. Und wem hätte der Staat all das zu verdanken?  Wer würde belobigt und vielleicht sogar noch vor dem  Ruhestand der nächste Minister werden?

Sein Lächeln ging in ein breites Grinsen über. „Noch besser wäre es, wenn die Staatsdiener ihr Gehalt selber erwirtschaften und zusätzlich weitere Einnahmen erarbeiten könnten, die dann unmittelbar in den dringend zu sanierenden Staatshaushalt fließen könnten“, führte er weiter aus. Diese geniale Idee war ihm gestern Abend beim Fernsehen gekommen, als er einen Bericht über Auslagerung von Unternehmen in die dritte Welt gesehen hatte. „Was für eine geniale Idee“, jubelte nun auch Herr Maier, dem es allmählich opportun erschien, seinem Chef ein wenig positive Bestärkung zu geben, zumal er durch den Gesichtsausdruck des Staatssekretärs erkannt hatte, dass dieser sich um nichts in der Welt von seiner Idee würde abbringen lassen. „Der Minister wird begeistert sein“, fügte er deshalb noch mit jubelnder Stimme hinzu.

Da der alte Staatssekretär ein Mann der Tat war, holte er sich bei erster Gelegenheit,  gleich in der nächsten Woche von dem Minister „grünes Licht“, wie er es nannte. Der Minister schien zunächst nicht so angetan von der Idee seines Staatssekretärs und äußerte, dass es doch wohl wichtigere Dinge für einen Staatssekretär zu erledigen gäbe, als sich um eine Hausverwaltung zu kümmern. „Da haben Sie selbstverständlich recht, Herr Minister“, erwiderte der Staatssekretär, „selbstverständlich ist mir diese Hausverwaltung, wie sie die Liegenschaftsverwaltung sicher zu recht bezeichnen, vollkommen egal. Bedenken Sie jedoch, was für Geld sich mit den Immobilien machen ließe, wenn sich jemand fachmännisch um diesen Laden kümmern würde.“

„Das müssen Sie mir erläutern“, lächelte der Minister, „ich gehe davon aus, dass Sie sich, mit dem jemand gemeint haben?“ „Nun ja“, erwiderte der Staatssekretär, „ ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen und Ihnen ehrlich sagen, dass ich genau genommen, nicht nur Immobilienfachmann bin, sondern bereits ein fast fertiges Konzept in der Tasche habe. Ich kann Ihnen sofort erläutern, wie wir diesen Laden so wirtschaftlich machen können, dass noch zusätzliches Geld in die Staatskasse fließen wird.“

 „Tatsächlich?“, fragte der Finanzminister und klang noch nicht sehr überzeugt. „Sehen Sie, Herr Minister. Im Moment arbeitet diese Verwaltung so unwirtschaftlich wie alle unsere Verwaltungen. Wahrscheinlich finanziert der Steuerzahler hier den Umstand, dass ein paar Beamte Monopoly mit staatlichen Liegenschaften spielen. Jedes Unternehmen kann hier nur besser wirtschaften. Das ist doch gar keine Zauberei. Und Sie, Sie werden der Finanzminister im Zeitfenster dieser Dekade sein, unter dem ein jetzt noch kaum vorstellbarer  Geldsegen in die Staatskasse rauschen wird“, fügte er  im Ton der festen Überzeugung hinzu. Der letzte Satz hatte seine Spuren bei dem Finanzminister hinterlassen. Das hatte der Staatssekretär sofort innerlich zufrieden  registriert. Er wartete ab und ließ dem Finanzminister ein wenig Zeit zum Überlegen.

„Gut, ich muss jetzt nach Brüssel. Also probieren Sie es. Schlimmer als es jetzt ist, kann es ja wohl nicht werden“, sagte er mit einem Blick auf die Uhr und hastete aus dem Raum.  Ganz kurz flammte in dem Minister der Gedanke auf, dass er bis vor einer Stunde noch nie etwas von dieser Verwaltung gehört hatte, geschweige denn wusste, wie gut oder wie schlecht es um sie stand. „Egal“, dachte er, „der Staatssekretär ist ein alter Fuchs und der wird schon wissen was er tut.“

Zufrieden mit sich und der Welt und einem Versprechen in der Tasche, das seine Arbeitswelt in der nächsten Zeit ein wenig bunter machen würde, zog der Staatssekretär sich in seinen Raum zurück. Versonnen malte er auf einem Blatt Papier eine Skizze mit einem kleinen Ablaufplan für die nächsten großen Schritte. Er betrachtete das Blatt, strich, kritzelte neu, strich einige Passagen, um letztlich zufrieden auf ein vollständig  beschriebenes DinA4 Blatt zu blicken. „Nun kann es losgehen“, sagte er zu sich selbst und strich sich zufrieden die Haare zurück.

Dann rief er seine Vorzimmerdame Frau Büchner in so einem lauten Ton zu sich, dass diese ihn durch die verschlossene Tür hörte. Vor Schreck vergoss Frau Büchner ihren Mittagskaffee auf einer Akte, wischte schnell noch ein wenig von der großen Pfütze weg und eilte dann hastig in das Zimmer ihres Chefs. Sie erhielt den Auftrag einen Stab von Mitarbeitern, die der Staatssekretär ihr namentlich aufzählte, noch für diesen Nachmittag in das große Besprechungszimmer im zweiten Stockwerk ein zu berufen.

Um 16.00 Uhr waren dann auch fast alle auf der Liste des Staats-sekretärs stehenden Personen dort versammelt und blickten erwartungsvoll auf die große Tür, durch die gleich der Staatssekretär kommen sollte. Punkt 16.15 Uhr wurde diese aufgerissen und der Staatssekretär schritt in eiligen Schritten, gefolgt von seinem persönlichen Referenten Herrn Maier auf die Kopfseite des Tisches zu. Mit einem Schwung ließ er sich nieder und bedeutete seinem Referenten, dass dieser ihm zunächst einen Kaffee eingießen möge. Dann erhob er die Augen und blickte prüfend in die Runde, um zu kontrollieren, ob auch alle seine Schäfchen seinem Aufruf gefolgt waren.

„Wo ist Müller?“, rief er in die Runde noch bevor er die Anwesenden begrüßt hatte. Sein persönlicher Referent flüsterte ihm zu: “Erkrankt. Und Harder ist auf Dienstreise“. „So, so“, murmelte der Staatssekretär und es war ihm anzusehen, dass er es vollkommen unverständlich fand, dass es hier im Ministerium tatsächlich Personen gab, die nicht zu dieser wichtigen Sitzung erschienen und einfach auf Dienstreise gingen oder krank waren.

„Liebe Kollegen“, hob er an und „liebe Kollegin“, fuhr er mit Blick auf Regierungsdirektorin Frau Dr. Schleicher-Hartmann fort. Wir sind heute hier versammelt, um den Auftakt zu einem einmaligen Projekt zu begehen. Wir werden mit diesem Projekt zeigen, was in diesem Staat und in uns steckt. Langsame Verwaltung war gestern. Heute heißt es für uns: Moderner Staat – moderne Verwaltung. Da wir hier im Hause in den letzten Jahren mehr als effizient geworden sind, werden wir nun anfangen, die Außenverwaltung zu reformieren. Wir werden sie nicht nur sanieren, sondern wirtschaftlich machen.

Jawohl – wirt-schaft-lich“, endete er gedehnt und schaute auffordernd in die Runde. Ein allgemeines Gemurmel erhob sich unter den Anwesenden. Und der Staatssekretär redete weiter und weiter. Seine Begeisterung stieg sichtlich von Satz zu Satz und er redete sich regelrecht in Rage. Nur einmal unterbrach er kurz, als Frau Regierungsdirektorin Dr. Schleicher-Hartman etwas zögernd die Hand für eine Frage hob.

Diese räusperte sich als der Staatssekretär ihr wohlwollend zunickte und ihr damit Rederecht einräumte, und sagte: “Herr Staatssekretär, ich gratuliere zu Ihrer überaus glücklichen Idee und werde Ihnen selbstverständlich mit meiner Abteilung tatkräftig bei der Umsetzung zur Seite stehen“. Dann machte sie eine kleine Pause, um all ihren Mut zusammen zu nehmen und stieß dann mit kurzatmiger Stimme hervor: „Sicher haben Sie auch bereits festgelegt, aus welchen Mitteln dieses Großprojekt finanziert werden soll?“. „Liebe Frau Dr. äh…“

„Schleicher“, flüsterte Herr Maier. „Ja natürlich, Schleicher, selbstverständlich ist die Kostenfrage geklärt. Das ist vollkommen einfach“. Der Staatssekretär blickte triumphierend in die Rund, um dann langsam und bestimmt zu sagen: „Es gibt keine Kosten“. Er machte eine Pause und blickte sichtlich mit sich selbst zufrieden im Kreis herum, um die Wirkung seiner Worte zu überprüfen. „Ja, meine Herren und meine Dame. Sie haben richtig gehört. Dieses Großprojekt wird sich selber tragen, da wir Geld in ungeahnten Größen einsparen werden.“

Dann machte der Staatssekretär eine kurze Pause und sah dabei die fragend aus ihren blauen Augen auf ihn schauende Frau Dr. Schleicher-Hartmann fast mitleidig an. „Ich verstehe, dass Ihnen so ein innovatives Projekt noch nicht untergekommen ist und Sie ein wenig  Zeit zum Verstehen brauchen“, fuhr er fast väterlich nachsichtig fort. Frau Dr. Schleicher-Hartmann errötete und vergrub ihr Gesicht schnell und hektisch wieder in den vor ihr liegenden Papieren.

An diesem Tag wurde es 20.00 Uhr als der Staatssekretär das Gebäude in der Wilhelmstraße verließ. Seine Mitarbeiter hatten bis 19.30 Uhr seinen Worten zu dem neuen Großprojekt gelauscht und nur Herr Dr. Brinkmann war dabei einmal kurz eingenickt. Als „Fast Pensionär“, der seine Tage heimlich am Maßband, das er jeden Morgen abschnitt, zählte, wurde ihm jedoch großzügig durch den Staatssekretär verziehen.

In der Zeit, in der die Mitarbeiter nun noch ihr durch die außerplanmäßige Sitzung versäumtes Tagesgeschäft nachholen durften, eilte der Staatssekretär zu seinem Dienstwagen und ließ sich zu einem Empfang der Handelskammer bringen, auf dem er auf leckere Häppchen hoffen durfte. Er sackte zufrieden auf den Rücksitz der Limousine und teilte dem Fahrer seufzend mit: „So, nun haben wir uns ein paar gute Häppchen und ein gutes Tröpfchen verdient. Das war ja wieder ein äußerst anstrengender Tag. Ja, ja – alles im Dienste des Staates“, fügte er noch hinzu.

Während der Fahrer durch den abendlichen Verkehr von Berlin Mitte steuerte und darüber nachdachte, was für Häppchen ihn wohl heute, nachdem er den Staatssekretär zu Hause abgeliefert haben würde, in seinem Heim um Mitternacht erwarten   würden. Dabei kam er innerlich seufzend zu dem Schluss, dass sein Kühlschrank, wie immer seit  dem Tag, an dem seine Frau ihn verlassen hatte, leer sein würde. Während er noch überlegte, wo die nächste Tankstelle in der Nähe der Handelskammer sein könnte, um sich dort eine kleine Mahlzeit einzukaufen, nickte der völlig erschöpfte Staatssekretär auf dem Rücksitz ein.

 

Ich hatte Euch ja bereits angekündigt, dass ich hier  im Blog eine zwei Jahre alte Geschichte von mir einstellen möchte. Dabei hoffe ich ganz arg, dass nicht nur Vallartina diese schmerzfrei übersteht :-). Heute geht es mit dem ersten Teil und dem Staatssekretär, der eine Idee hat, los.

Der Staatssekretär hat eine Idee

Die Geburtsstunde der Anstalt, wie sie später von dem Minister bei Ansprachen gerne bezeichnet wurde, begann kurz nach der deutschen Wiedervereinigung in der damals gerade wieder zur  Bundeshauptstadt ernannten Stadt Berlin. Genau genommen hatte alles mit einer mehr als genial zu bezeichnenden  Eingebung, die ein Staatssekretär im Finanzministerium im Oktober 1992 hatte, begonnen. Dieser Staatssekretär, der schon über zwanzig Dienstjahre fleißig gearbeitet oder zumindest dem Staat gedient hatte und langsam dem Ende seinen aktiven Beamtenzeit entgegen sah, hatte sich an einem wunderschönen Herbstmorgen, an dem die Sonne auf das bunte Herbstlaub vor dem Berliner Ministerium schien, den ganzen Morgen mit schwierigen steuerrechtlichen Fragen beschäftigt. Sein Kopf rauchte und er sehnte sich in seinem tiefsten Inneren danach, die gesammelten Akten zum Steuerrecht von seinem Schreibtisch zu fegen.

Seinen Blick auf die prächtige Laubfärbung gerichtet, fasste er den Entschluss, die vor ihm gebündelten Steuerakten einfach an den Referatsleiter, der ihm diese Arbeit eingebrockt hatte, zurück zu senden. „Warum soll eigentlich immer nur ich arbeiten? Meine Zeit hier im Ministerium ist in einigen Jahren beendet und langsam müssen sich meine Leute daran gewöhnen, auch ohne mich zu arbeiten. Soll sich doch der Hallhuber einen Kopf machen und  seine Vorschläge so überarbeiten, dass ich nur noch unterschreiben muss“, brummelte der Staatssekretär vor sich  hin.

Seinen Augen fingen bei dem Gedanken, dass der Hallhuber ganz schön ins Schwitzen kommen würde, wenn er die Akten ohne Überarbeitung zurückbekommen würde, an zu leuchten. Die Laune des Staatssekretärs stieg um gefühlte 5 Grad. Bis dieses unleidliche Steuerthema wieder auf seinem Tisch ankommen würde, würde Zeit vergehen und wenn er Glück hätte, wäre er dann bereits im Winterurlaub.  Er raffte mit beiden Händen die Berge von Akten vor sich zusammen, füllte mit seinem Füllfederhalter in roter Tinte das Kürzel für den Hallhuber, das HaHu in das Kästchen auf dem grauen Aktendeckel und schmiss die Akten erleichtert auf den Aktenbock, der neben seinem Schreibtisch stand. „Hoffentlich lässt sich der Aktenbote – wie er das üblicherweise macht – mit dem Transport ordentlich Zeit“, dachte der Staatssekretär.

Damit der Aktenberg auch tatsächlich nicht so schnell wieder bei ihm ankommen würde, ging er auf Nummer sicher und versenkte eine einzelne Teilakte des Steuervorgangs, die er zuvor aus dem großen Stapel auf seinem Aktenbock herauszog, hinter dem großen Aktenschrank in der rechten Ecke seines Dienstzimmers. Erleichtert atmete er auf und zog dabei unbeabsichtigt den Staub ein, den der gezielte Wurf der Teilakte hinter den großen Schrank aufgewirbelt hatte. Er fing an zu husten und fluchte über die miserable Putzfrau und die noch miserablere Hausverwaltung, die solch unzuverlässige Reinigungskräfte eingestellt hatte.

Er würde sich beschweren, beschloss er spontan. „Bei wem eigentlich“, überlegte er vor sich hin sinnierend. „Wer ist hier eigentlich die verantwortliche Hausverwaltung?“ Diesem Thema würde er sich annehmen und zwar umgehend. Sein persönlicher Referent sollte sich darum kümmern. „Genau, der Maier, der ist der Richtige“, murmelte er. Der würde alle Informationen schnell heraus bekommen und dann würden in dieser Hausverwaltung Köpfe rollen. „Jawohl“, sagte er zu sich selbst.

„Wo war eigentlich sein persönlicher Referent“, fragte er sich. Er griff zum Telefonhörer auf seinem Schreibtisch und rief seine Vorzimmerdame Frau Büchner an, die beflissentlich: „Was kann ich für Sie tun“, in das Telefon flötete. „Wo verdammt ist dieser Maier denn wieder?“, brüllte der Staatssekretär ungeduldig. „Herr Maier – einen Moment“, sagte die Vorzimmerdame und man hörte, wie sie mit Papier raschelte. „Hoffentlich hat der nicht schon wieder Urlaub“, brummelte der Staatssekretär in den Hörer. „Nein, nein, Herr Maier ist bei der Finanzdirektion Berlin zu einer Einweihungsfeier eingeladen“. „Was für eine Einweihungsfeier“, dröhnte die Stimme des Staatssekretärs aus dem Hörer. „Die Bauverwaltung und die Liegenschaftsverwaltung des Bundes laden zur Einweihung des neuen Westtraktes der Finanzdirektion…“, fing Frau Büchner an vorzulesen. Weiter kam sie nicht.

„Wer? brüllte der Staatssekretär in den Hörer. „Wer soll das denn sein? Die Liegenschaftsverwaltung des Bundes? Habe ich noch nie gehört. Warum laden die mich nicht ein?“, donnerte er weiter. „ Sie Herr Staatssekretär sind doch viel zu wichtig, um auf die Einweihung eines Westflügels zu gehen“, piepse die Vorzimmerdame ob des Donnerns des Staatssekretärs ein wenig eingeschüchtert. „Ach so, ja“, brummelte der Staatssekretär und legte missmutig den Hörer auf. Seine Gedanken kreisten um diese mysteriöse Liegenschaftsverwaltung des Bundes, die ihn nicht auf der Einladungsliste hatte und ihm zudem noch seinen persönlichen Referenten raubte. „Wahrscheinlich sind auch die das, die keine ordentlichen Reinigungskräfte einstellen und überhaupt scheinen die einigen Schlamassel zu produzieren“, dachte er verstimmt. Er hüstelte immer noch von dem aufgewirbelten Staub.

Erneut griff er zum Hörer und brachte innerhalb von einer Stunde die Querabteilung ZA 47 auf Trab, in dem er sich alle verfügbaren Informationen über diese merkwürdige Liegenschaftsverwaltung vorlegen ließ. Endlich hatte er einmal ein Thema vor sich, von dem er etwas verstand, denn wozu hatte er ein Haus im Grunewald, ein Ferienhaus in Kitzbühel und eine weitere Liegenschaft auf Sylt. Immobilien waren sein Steckenpferd.

Der restliche Nachmittag verging für ihn wie im Fluge. Während die Abteilung BC 49 anfing, das Steuerkonzept neu zu bearbeiten und alle verfügbaren weiblichen Mitarbeiterinnen in der Abteilung verzweifelt damit beschäftigt waren, eine fehlende Teilakte zu suchen, kümmerte sich der Staatssekretär höchst persönlich um die ihm bis zu diesem Tage nicht bekannte Liegenschaftsverwaltung.

Am Abend wusste er bereits, dass diese Verwaltung für  die bundeseigenen Gebäude und Dienstliegenschaften zuständig war  und Standorte überall in der Republik hatte. „Schade“, dachte er,  “mit dieser Verwaltung möchte ich mich noch viel mehr befassen. Immobilien gehören in die Hand von Fachleuten. So eine angestaubte Verwaltung wird sich ja kaum um alle diese Werte richtig kümmern können. Das ist mein Projekt.“ In seinem Arbeitsrausch hatte er sogar den Staub hinter dem Schrank, die Reinigungskraft und seinen fehlenden persönlichen Referenten vergessen.

An diesem Abend verließ er schwungvoll das große Gebäude in der Wilhelmstraße. „Dieser Arbeitstag wird ein Meilenstein für die bundesdeutsche Immobilienkultur“, rief er dem Pförtner beim Herausgehen zu. „Jawohl, Herr Staatssekretär“, kam artig die Antwort.

……Wenn Ihr Lust habt, erzähle ich demnächst noch ein bisschen weiter aus der Anstalt. Jetzt wünsche ich Euch zunächst einen schönen Mittwoch.

Im Moment bin ich leider nicht mehr auf Teneriffa und kann Euch daher auch keine neuen Fotos oder Berichte von der schönen Inseln liefern. Da Bonn auf mich zurzeit öde und trostlos wirkt, habe ich mich entschlossen, eine kleine Geschichte über eine „deutsche Anstalt“, die ich vor zwei Jahren geschrieben habe, hier nach und nach zu veröffentlichen. Vielleicht gefällt Euch ja meine kleine Realsatire über eine deutsche Anstalt, die mit Sudoku und Beratung an die Börse geht. Natürlich ist die Geschichte frei erfunden. Zufällige Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen, öffentlichen Verwaltungen oder Unternehmen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt. Wo könnte denn auch in den deutschen Landen eine solche Geschichte tatsächlich passieren? Merkwürdig nur, dass ich ab und zu denke, dass ich so einiges von der Geschichte in meinem ersten Leben selber erlebt habe.     

Heute erst einmal kurz zum Inhalt. Die Geschichte handelt von einer Verwaltung, die öffentliche Immobilien verwaltet. Auf Wunsch des Ministeriums soll diese in ein modernes zeitgemäßes Dienstleistungsunternehmen umgewandelt werden. Alles beginnt an einem ganz normalen Morgen im Berliner Finanzministerium der Nachwendezeit. Ein Staatssekretär, der einfach keine Lust mehr darauf hat, langweilige Steuervorgänge zu bearbeiten, lässt eine Teilakte hinter seinem Schrank verschwinden. Der dabei aufgewirbelte Staub bringt ihn nicht nur zum Husten, sondern auf eine geniale Idee. Er will die verantwortliche Hausverwaltung in einer modernes Unternehmen umwandeln und dabei unbedingt seinem Minister beweisen, wie wirtschaftlich und modern sein neues Unternehmen arbeiten kann. So scheut er sich auch nicht in seiner Position, dieses  wichtige Projekt  persönlich  in seine Hände zu nehmen.

 Auf dem Weg von der Idee bis zur Umsetzung sind nicht nur viele Dinge zu bedenken, sondern auch immer wieder neue Hindernisse zu überwinden. Diesen Prozess zu begleiten, bringt nicht nur einzelne Herren im Ministerium bis an ihre persönlichen Grenzen. Zum Glück bietet sich bei der Erledigung der zahlreichen Aufgaben, Hilfe durch geschäftstüchtigen Berater an. Diese fassen ohne Arbeitsscheu beherzt  zum Wohle des Staates und des eigenen Geldbeutels in Windeseile zu.

 Weiterhin stellt sich heraus, dass es  nicht ganz so einfach ist, die Mitarbeiter von den vielen Vorzügen eines modernen Dienstleistungsunternehmens, in dem vorwiegend Denglisch gesprochen wird, zu überzeugen. Zum Glück hat der Berater Herr Machold alle Fäden fest in der Hand und überzeugt durch seinen nächtlichen Arbeitseinsatz in den Hotelbars schließlich auch die Basis von den wirtschaftlichen Vorteilen eines Großunternehmens.

 Zur Freude der höheren Ministerialbeamten  gibt es in einer Anstalt auch viele neue interessante Posten zu vergeben, wobei sich insbesondere die Vorstandsstellen allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Wen wundert es da, dass in erster Linie tüchtige Herren und Ministerialbeamte, die ohnehin lieber am Rhein verbleiben wollten als mit an die Spree umzuziehen,  in die Bonner Anstalt wandern. Herr Dr. Kleist als Vorstandssprecher, der als einziger aus dem Ministerium die Grammatik vollständig beherrscht und sich gerne selber um jede Mieterbeschwerde persönlich kümmert, ist genauso prädestiniert für eine Vorstandsposition wie seine Kollegen Herr Dr. Müller-Niederthal und Herr Konrad. Herr Dr. Müller-Niederthal als Mann aus der Wirtschaft stellt gleich beim Gehaltspoker mit dem Ministerium seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten unter Beweis. Weiter zeigt sich, dass nur der, der Sudoku so gut wie Herr Konrad beherrscht, die Position des Finanzvorstandes erhalten kann.

 Die Vertreter des Ministeriums üben ihre Fachaufsicht zunächst durch Einstellung unzähliger neuer Mitarbeiter weitsichtig aus. Sie sind zumeist in der ministeriellen Kantine recht nah am Geschehen, um zunächst den alten Staatssekretär und später den jungen neuen Staatssekretär von Gutental mit positiven Nachrichten über die Deutsche Anstalt zufrieden zu stellen.

 Gemeinsam arbeitet man sich durch Zielvereinbarung, Personalentwicklungsaufgaben und eine Unmenge Zahlen. Wen wundert es da, dass bei diesem Zahlengewirr ab und zu auch einmal der Finanzvorstand die Zahlen des Wirtschaftsplanes mit der Liquidität verwechselt. Unermüdlich arbeiten Vorstand, Ministerium und Berater mit innovativen Sachverstand daran, immer wieder neue kreativen Ideen zu entwickeln, wie Liquidität aus der Anstalt gewonnen werden kann, um dem Staat aus der Krise zu helfen. Und sei es auf so unkonventionellen Weg, dass die Verkäufer von Immobilien kurzfristig in die Sparte Wald und Natur wechseln müssen, um im Wald Holz zu sammeln oder beim Fischen an der Ostsee ihr Glück zu suchen. So kommen zwischenzeitlich auch die Natur- und Hundeliebhaber, die einige Zeit lang mit Tier und Flinte durch die Wälder streifen dürfen, auf ihre Kosten. Die anderen Bearbeiter in der Anstalt müssen auf den Betriebsausflug im Rheintal warten, den der Vorstandssprecher werbewirksam als Liegenschaftsbegehung an die Presse verkauft.

 Am Ende zeigt sich, dass der eingeschlagene Weg, eine moderne Anstalt aufzubauen, nur ein Anfang gewesen sein kann. Denn immer wieder schaffen es die Vorstände, die Spartenleiter und sämtliche Bedienstete unter Federführung einer Heerschar von Beratern, das Ministerium mit neuen und unerwarteten Bilanzzahlen zu verblüffen. Als zum Schluss sogar ein testierter Jahresabschluss gefährdet erscheint, von dem der Vorstandssprecher am Rande eines Fußball Turnieres auf der schönen Insel Helgoland erfährt, wird es Zeit das Ruder herum zu reißen. Durch cleveres Handeln eines ministeriellen Verwaltungsbeamten geht daher die Anstalt ihren Weg weiter an die Börse. Die Anstalt wird eine Aktiengesellschaft.

Die sogenannte Fläche mit ihren Außenstellen bleibt sich eine Weile selber überlassen. Doch nach und nach kommen die altlastenbehafteten Liegenschaften zurück. Und am Ende ist neben der börsendotierten Aktiengesellschaft auch die alte Verwaltung wieder auferstanden.

Die zahlreichen Mitarbeiter der Anstalt werden entwickelt, gecoacht und gechanged und entdecken danach vollkommen neue Talente. Bei diesem rasanten Aufstieg darf es auch keine Rolle spielen und niemanden verwundern, dass ab und zu ein paar Mitarbeiter ganz verloren gehen. Am Ende zeigt sich, allein die Beratung hat Bestand.

Falls Ihr Lust auf mehr (Meer habe ich leider im Moment nicht zu bieten) habt, geht es demnächst los.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag.